Die Launen des Osterhasen

April 2nd, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

“Mir reichts! Ich streike! Ab sofort! Diese Launen macht ja nicht einmal ein Zicklein mit!” Der Osterhase knallte die Tür seines Baumhauses hinter sich zu und marschierte klatschnass auf den kleinen Ofen zu, der eine wohlige Wärme verströmte. Davor angekommen zog er seine Jacke aus, hängte sie über einen Stuhl und stellte die ebenfalls durchnässten Schuhe vor den Kamin. In diesem Moment kam seine Frau die Treppen herunter, die eine Hand an ihrem Bauch, und lief auf ihn zu. “Was ist denn los?”, fragte sie mit sanfter Stimme. “Der Frühling! Das ist los!”, rief ihr Ehemann immer noch aufgebracht und ließ sich in den Schaukelstuhl neben dem Ofen fallen. Draußen war es bereits dunkel geworden und der starke Wind peitschte die Blätter und Äste des Baumes gegen die Fensterscheibe. Normalerweise hätte den Osterhasen das Pfeifen des Sturmes nicht gestört, aber heute brachte es ihn auf hundertachtzig. “Kaum ein Ei schafft es bei diesem Sturm heil in meine Werktstatt. Und die Farbe hält nicht auf der Schale, weil der Regen sie sofort wieder wegwäscht. Ich bin dauernd durchnässt und friere wie im tiefsten Winter. Wer braucht eigentlich schon die Launen des Frühlings? Solang es an Ostern nicht schneit, kann er dort bleiben wo der Pfeffer wächst!” Die Häsin strich ihm beruhigend durch das Fell. “Aber der Frühling ist wichtig! Er ist das Bindeglied zwischen Winter und Sommer. Er ist das Erwachen. Das Wachsen. Neues Leben.” Sie hatte ihre linke Pfote immer noch auf ihrem runden Bauch, in dem ihre ersten Kinder heranwuchsen. Als sein Blick darauf fiel, wurden seine Züge weicher und entspannter. Er legte seine Pfote über die ihre und nickte ein wenig verträumt. “Ja, du hast schon recht. Aber…” In dem Moment riss der Wind eines der leichteren Fenster auf und der Regen prasselte auf die warmen Dielen. Der Osterhase sprang wie von der Tarantel gestochen auf und haute das Fenster mit solcher Wucht zu, das selbst die Wände vibrierten. “Verzieh dich, Frühling”, rief er, und ein greller Blitz, gefolgt von einem ohrenbetäubendem Donnern war seine Antwort.
Und es schien, als habe der Frühling sich seine Forderung wirklich zu Herzen genommen, denn von einem Tag auf den anderen sanken die Temperaturen und der erste Schnee blieb liegen.
Der Osterhase las gerade einen Brief, den er von den Eichhörnchen erhalten hatte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Die Hühner konnten vor lauter Kälte keine Eier mehr legen, die Vögel, die sie eigentlich transportierten, waren in den Süden geflogen und die Eichhörnchen quittierten nun auch ihren Maldienst, weil sie sich wieder in den Winterschlaf verzogen. Langsam wurde er panisch. Eine Katastrophe folgte der Nächsten, und der Hase befürchtete, dass Ostern diesmal wirklich nicht stattfinden würde. “Was soll ich machen?”, seufzte er verzweifelt. “Egal was ich versuche, alles geht schief.” Er zerknüllte den Brief und warf ihn weg. Seine Frau kam zu ihm, setzte sich auf das Sofa. “Vielleicht… Wenn du dich beim Frühling entschuldigst…”, riet sie. Er sah ungläubig auf. “Was soll das denn bringen? Du tust ja so, als habe ich ihn beleidigt, aber ich habe doch nur das ausgesprochen, was eh alle schon wussten. Bin ich deswegen der Schuldige?” Sie schüttelte lächelnd den Kopf. “Nein, das habe ich nicht gemeint. Aber bedenke doch deine Wortwahl. Du hast den Frühling als unwichtig bezeichnet, dass niemand ihn mag und man sich nur über seine Launen ärgern muss. Aber… “, sie überlegte einen Moment. “Sieh mal”, erklärte sie dann. “Ich will es dir an diesem Beispiel erklären.” Sie legte seine Pfoten auf ihren runden Bauch und er lächelte, als er die sanften Tritte seiner Kinder spürte. “Wenn deine Kinder zur Welt kommen, werden wir keine ruhige Minute mehr haben. Sie werden schon bald so groß sein, dass sie durch die Wohnung springen, Fragen stellen bis uns die Löffel glühen und uns mit ihren Launen in den Wahnsinn treiben werden. Aber trotz ihrer Macken, die sie zweifelsohne haben werden, werden wir sie trotzdem immer lieben. Trotzdem werden sie immer wichtig für uns sein. Und genauso ist es mit dem Frühling. Auch der hat mal seine launenhaften Seiten, aber dennoch ist er eine der schönsten und wichtigsten Zeiten. Verstehst du?” Er nickte langsam, vollkommen in Gedanken versunken. “Du hast wohl recht”, gab er dann zu. “Ich war wohl der, der seine Launen an anderen ausgelassen hat.” Dann stand er auf und sah nach oben. “Hörst du mich?”, fragte er sanft nach. “Es tut mir leid. Ich brauche dich, Frühling.”
Und schon bald vertrieb die Sonne die Wolken, sodass der Schnee schmolz und in kleinen Bächen über die Wiesen rann. Die Hühner legten wieder Eier, die Vögel kamen aus ihrem südlichen Urlaub zurück und die Eichhörnchen erwachten aus ihrem Winterschlaf. Und als Ostern kam, saßen die Haseneltern mit ihren fünf kleinen Hasenbabys in ihrem Wohnzimmer, während draußen die Kinder jubelnd nach Ostereiern suchten.
Als sich der Frühling langsam dem Ende zuneigte, ging der Osterhase auf einen Hügel, nicht weit entfernt von seinem Baumhaus, und pflückte eine Rose für seine Frau. Er betrachtete die roten Blätter und spürte schon die Hitze des näher kommendem Sommers. “Vielen Dank, Frühling”, flüsterte er lächelnd. “Ich hoffe, wir sehen uns das nächste Jahr wieder.” Ein milder Wind fuhr ihm wie eine Bestätigung durch das braune Fell, und grinsend machte sich der Osterhase auf den Rückweg.

Fabienne Introini

(alle Rechte beim Autor)

Frühling bei uns

März 27th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

2014/2015 war das Wetter bei uns in Südtirol richtig sch***e – man sollte dieses Wort nicht in den Mund nehmen, deshalb mache ich es auch nicht. Was soll`s, das Jahr ist um und hoffentlich wird dieses Jahr nicht wieder von den Wetterkapriolen heimgesucht, die uns voriges Jahr geärgert haben. Etwas Gutes hat es ja, wir haben unsere Schneeschaufel geschont und Unfälle auf Glatteis vermieden. Deshalb, glaube ich, sehnt sich jeder nach dem Frühling. Nach den warmen Sonnenstrahlen und dem Duft, den die hervorsprießenden Blumen verbreiten. Endlich kann man wieder im Wald spazieren gehen und man sieht förmlich, wie die Wiesen wieder satt und grün werden. Meiner Meinung nach ist der Frühling die schönste Jahreszeit. Alles erwacht wieder zum Leben. Es kreucht und fleucht, wie man so schön bei uns sagt. Die Menschen sind wieder fröhlicher – finden Sie nicht auch? Überall wo man hinschaut sieht man ein fröhliches Treiben. Ich habe den Frühling in Stuttgart noch nicht erlebt, weil ich erst seit September 2014 hier bin, aber ich kann Ihnen erzählen, wie bei uns in Südtirol der Frühling ist.
Ich komme aus Gais, das liegt ca. 7 km von Bruneck entfernt, am Eingang zum Tauferer Ahrntal. Kurz gesagt: meine Heimat liegt mitten in den Bergen. Wenn bei uns der Frühling kommt, beginnt er zuerst mit der Schneeschmelze. Überall rinnen kleinere und größere Wasserläufe über Felder und Wiesen, und die Flüsse führen auch mehr Wasser, weil der Schnee auf den Bergen und Gletschern rasch schmilzt. Bäume und Sträucher beginnen, Blätter und Blüten zu werfen, die Landschaft wird in feine Pastellfarben gefärbt. Wenn Sie ganz leise sind, hören Sie das Summen der Bienen, die aus ihrer Winterstarre erwacht sind. Das Zwitschern der Vögel ist wie ein Protest, der sagen will: „Winter ade“. Auf Spielplätzen erwacht das Leben und auf Parkbänken sieht man wieder Menschen sitzen, die sich von den warmen Sonnenstrahlen kitzeln lassen. In den Wäldern liegt ein Teppich von Waldsauerklee, der den Boden weiß schimmern lässt. Die kahlen Lärchen bekommen wieder ihr grünes Nadelkleid und alles, was bis jetzt im Winterschlaf war, kommt aus seinen Schlafplätzen hervor. Die Kinder fangen in der Schule an, Palmbesen zu binden, die sie bei der Palmprozession mit Stolz tragen. Eltern verstecken die Ostereier im Garten und so manches Kind kann es nicht erwarten, bis der Osterhase kommt.
Viele Bräuche und Traditionen gibt es bei uns in Südtirol, die es hier vielleicht nicht gibt. Z.B. das „Eier guffen“. Am Ostermontag wird von der Bauerjugend ein Eierguffen veranstaltet. Teilnehmer verschiedener Vereine treten gegeneinander an. Jede Gruppe bekommt eine Anzahl von Eiern und dann wird gegufft. Das Ei wird in der Hand gehalten und der Gegner klopft von oben mit seinem Ei auf das andere. Das Ei, das dadurch beschädigt wird, verliert. Die Gruppe, die zuletzt die meisten Eier hat, ist Sieger und bekommt einen großen Geschenkkorb. Nach der Winterzeit beginnen auch wieder die Kirchtage im Land und es werden Feste mit Musik und Tanz abgehalten. Da es bei uns in Südtirol noch viele Bauern gibt, wird im Frühling auch der Almbetrieb wieder aufgenommen. Kühe, Kälber und Schafe werden auf die Alm getrieben, um den Sommer auf satten Bergwiesen zu verbringen. Ebenso ist es an der Zeit, die Tourenski und Schneeschuhe einzupacken und zu Fuß auf die Berge zu steigen.
Die Gartenarbeit beginnt, und da wir noch in einer Gegend wohnen, wo fast jeder einen eigenen Garten hat, sieht man jetzt viele den Garten umstechen und bepflanzen. Das dürre Wintergras wird zusammengerecht, damit das neue Platz hat. Obstbäume werden geschnitten und der gesamte Garten auf Vordermann gebracht. Da es bei uns im Frühjahr noch ganz schön kalt sein kann, werden die Obstbäume vereist oder zugedeckt, damit die Blüten nicht zu Schaden kommen. Unter den Sträuchern im Garten stupfen die Krokusse und Schneeglöckchen hervor, endlich hört man wieder die Bienen summen und die Vöglein zwitschern, die von ihrer Auslandsreise zurückkehren. Die Bauern pflügen, eggen und sähen die Felder, damit sie im Herbst den Mais, den Weizen und Roggen, sowie die Kartoffeln ernten können. Die ersten Frühlingsgewitter malen Regenbögen an den Himmel und lassen die durstige Erde auflachen. Vom Wald her hört man die ersten Kuckucksrufe und spätestens da weiß jeder – der Frühling kehrt ein.

Lukas Oberhuber

(alle Rechte beim Autor)

Nach dem Winter

März 25th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Hinter dem kleinen, alten Haus gab es einen Garten, der beinah ebenso klein war. In diesem Garten war der Frühling langsam am Kommen und aus allen Ecken und Winkeln schimmerte ein zartes, helles Grün. Frisch und frühlingshaft. Nur die Blumen, die wollten noch nicht so ganz zu ihrem Dienst antreten.
In dem Haus wohnte ein junges Mädchen mit ihren Großeltern. Es war gerade erst zu ihnen gezogen. Bisher hatte es in einer großen Stadt gelebt, in einer Gegend, wo es kaum Pflanzen gab, ganz zu schweigen von Gärten. Die Großeltern hatten dem Mädchen bei jedem Besuch in der Stadt von ihrem Garten erzählt, und wie schön er doch war; ganz besonders, wenn die Blumen sich das erste Mal öffneten und ihre bunten Blütenblätter zeigten, die wie frisch gefärbt wirkten und einen ganz eigenen, lieblichen Frühlingsduft an sich trugen.
Jetzt war das Mädchen hier in diesem Garten. Es hatte sich vorgenommen, jeden Tag hier draußen zu sitzen – warm eingepackt in einem dicken Mantel, dem alten Wollschal seiner Mutter und den übergroßen Handschuhen seines Vaters –, und darauf zu warten, dass sich die erste Knospe zu öffnen begann.
Es war das einzige, das dem Mädchen einen lebendigen Moment bescherte nach der dunklen Zeit im Winter. Ein Hoffnungsschimmer vielleicht, oder auch nur eine Ablenkung. Es war egal, was genau es war, da waren sich die Großeltern jedenfalls einig. Solange es nur wieder aus sich herauskommen und etwas sagen würde. Denn seit dem Winter hatte ihre Enkelin nicht mehr gesprochen.
Während die Großeltern in der Küche das Frühstück abräumten, lag das Mädchen auf dem Bauch und starrte zu den Blumen hinüber. Einige hatten endlich einen so fetten Knospenbauch, dass es nur noch eine Frage von Stunden, ja vielleicht sogar Minuten sein könnte, bis sie sich endlich öffnen würden.
Während das Mädchen darauf wartete, schlief es mit dem Kopf auf die Arme gelegt ein. Als es das nächste Mal aufwachte, spürte es die beiden Großeltern an seiner Seite, die sich zu ihm auf die Decke gelegt hatten, um mit ihm auf die ersten Blüten zu warten. Der Großvater hatte es sanft gestupst, als es endlich so weit war.
Das Mädchen riss vor Staunen die Augen auf, als es ein kleines grünes Etwas sich bewegen sah, und kroch noch ein Stück näher an die Blume heran. Es konnte mitverfolgen, wie sich ganz langsam die grüne Knospe auseinanderzog und etwas Dunkelblaues oder Violettes hervordrücke.
Das Mädchen hielt vor Spannung die Luft an. Das Blümchen wirkte so lebendig, dass es Angst hatte, es durch sein Atmen wieder zu verscheuchen.
„Das ist ein Duftveilchen“, erklärte ihr Großvater. „In manchen Gegenden duftet es unglaublich stark.“
Neugierig lehnte sich das Mädchen noch weiter vor und schnupperte.
Der Großvater hatte Recht: das kleine blaue Blümchen roch sehr süß, aber angenehm, wie die Enkelin fand. Auf ihrem Gesicht zeigte sich ein leises Lächeln, das sich jedoch nicht in ihren Augen widerspiegelte. Noch nicht.
Ein paar Tränen traten in ihre Augen, als es leise sagte: „Wie süß.“, und die Großeltern sie in den Arm nahmen.

Carolyn Owen

(alle Rechte beim Autor)

Bennys größter Traum

März 15th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Benny hat heute Morgen schon kaum Lust zur Arbeit zu gehen. Er weiß ganz genau, dass dort wieder nur Spott und Hohn auf ihn warten. Als Marienkäfer hat man es nicht leicht, wenn die eigenen Flügel nicht mit lieblichen schwarzen Punkten gesegnet sind, wie bei den anderen Marienkäfern. Sein Chef und seine Kollegen machen sich immer wieder über ihn lustig: “Die Kinder spielen doch eh nie mit dir.” “Bleib lieber bei deinem Job.” “Das wird doch eh nichts.” Und so weiter. Wo steht geschrieben, wie ein Marienkäfer auszusehen hat? Wieviele Punkte muss er
haben? Und wenn er weniger Punkte hat, oder gar keine, ist er dann kein Marienkäfer? Ab wann ist man denn ein “richtiger” Marienkäfer? Diese Fragestellung kann Benny nicht verstehen, und er sieht auch kein Problem in seinem Äußeren. Er wundert sich eher, warum es alle so wichtig nehmen. “Alles nur Oberflächlichkeiten”, denkt er immer wieder. Zwar läuft die Arbeit in der Efeuhecke der Schulzens gut, aber das ist nicht das, was Benny will. Er fühlt sich zu Höherem berufen, er möchte Kinderunterhalter werden. Er liebt Kinderlachen mehr als alles andere, er möchte Kinder glücklich machen und sie strahlen sehen. Das ist sein Traum.
Benny hasst seinen Job in der Efeuhecke. Die Blattlausindustrie ist wie eine große Maschine, alles nur gesichtslose Roboter, da juckts niemanden, was du denkst, empfindest oder wie es dir geht. Hauptsache du machst deine Arbeit gut, vertilgst die gewünschte Menge Blattläuse pro Schicht, und dann ab nach Hause. “Diese Blätter müssen heute noch sauber werden, klar?” Jeden Tag immer und immer wieder, bis du stirbst. Ein undankbarer Job, besonders weil sein sein Chef, der fiese Weberknecht Herr Magnussen, ihn viel schlechter als die Kollegen bezahlt, und er damit
regelmäßig aufgezogen wird. “Keine Punkte, keine Spesen”, heißt es dauernd. Ist das denn legal? Darf man seine Mitarbeiter so behandeln nur weil sie anders sind? Offensichtlich leistet Benny ausgezeichnete Arbeit, die Wertschätzung dafür bleibt aber bisher immer aus. Eine Beförderung wäre undenkbar. Wenn die Kollegen nach der Arbeit noch weggehen, wird er nie gefragt, ob er gerne mitkommen würde. Urlaub hat er grundsätzlich noch nie bekommen, “da gibts eine gesetzliche Grauzone, wir können da nichts machen”, hieß es dauernd, wenn Benny sich bei der Marienkäfergewerkschaft beschwerte. Ihm wird das Leben scheinbar so schwer wie möglich gemacht, aber Benny bleibt stark. Denn er weiß, auch wenn er der einzige Marienkäfer auf der Welt ist, dass Aussehen nicht das allerwichtigste ist. Es zählt das, was man zu leisten imstande ist, und vor allem die innere Schönheit.
Nach der Arbeit fliegt Benny immer rüber zu der Blumenwiese am Kindergarten. Die blüht bereits mit aller Pracht, sehr früh in diesem Jahr, denn der Winter war zwar hart, aber kurz. Tulpen in den verschiedensten Farben, Veilchen, Löwenzahn, alles was der Frühling so zu bieten hat, ist hier vertreten. Bienen und Hummeln, verschiedenste Käfer und kleine Vögel sind kräftig bei der Arbeit. Benny hält sich hier am liebsten auf, denn in der Pause kommen die Kindergartenkinder immer her zum spielen. Und ganz besonders freuen sie sich über die Marienkäfer. Dabei machen die Kinder keinen Unterschied zwischen Marienkäfern mit Punkten, und Marienkäfern ohne Punkte. Im Gegenteil, mit Benny spielen sie sogar viel lieber und öfter als mit den anderen Marienkäfern, das lässt sie manchmal schon etwas neidisch werden. Benny ist ein wahrer Profi in der Kinderunterhaltung. Er weiß genau, wie er Kinderaugen zum Strahlen und Kindermünder zum Lachen bringen kann. Hier auf der Blumenwiese beim Kindergarten fühlt er sich aufgehoben, akzeptiert und wertgeschätzt und hier sind seine Freunde, Marius und Steffi. Die anderen Tiere mögen ihn sehr gern und bewundern ihn für sein Talent.
Die Gespräche drehen sich eigentlich immer ums selbe Thema: “Wie siehts aus, hast du schon gekündigt?”, fragt Marius, der Maikäfer. “Nee, ich trau mich nicht wirklich, du kennst Herr Magnussen ja. Der ist unerbittlich, was das angeht,” erwiedert Benny. “Irgendwann musst du den Schritt aber wagen”, wirft Steffi, der Schmetterling, ein. “Ich verstehe es einfach nicht, wie kann man so dumm sein.” “Du weißt doch wie das ist, Hauptsache du funktionierst und passt in die Gesellschaft. Wenn du anders bist, bist du schnell außenvor”, fährt Steffi fort, “so ist die Gesellschaft eben. Wenns dir nicht passt kündige doch endlich. Einen anderen Weg gibt es nicht.” “Du hast leicht Reden, Steffi. Sieh dich doch an”, sagte Benny. “Benny, wie oft noch? Du bist ein ganz toller Marienkäfer und der beste Freund, den man sich vorstellen kann. Jetzt akzeptier das doch mal und freu dich für das, was du bist”, sagte Steffi und lächelte. “Ach, du hast ja Recht”, seufzt Benny. “Ok, ich werds tun. Gleich morgen werde ich zu Magnussen gehen.”
Am nächsten Tag ist Benny so nervös wie schon lange nicht mehr. Heute ist es soweit, Schluss mit der jahrelangen Quälerei. Er nimmt allen Mut zusammen und geht zu seinem Chef: “Herr Magnussen, ich bin heute hier, um Ihnen zu sagen, dass ich kündige. Jawohl, ich werde nicht mehr länger für sie arbeiten, nicht mehr länger ihre Marionette sein und mich rumschubsen lassen. Ich bin ein Individuum und ich habe einen Traum, und der wird nicht Knechtschaft auf Lebenszeit sein. Achja, und den Resturlaub nehme ich auch noch.”
Dann dreht er sich um und geht. Mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht fliegt er davon, ohne noch einmal zurückzublicken. Benny hat sich entschieden, seinen Traum zu verfolgen, und er weiß, dass er es schaffen wird. Es war die beste Entscheidung, die er je getroffen hat, und gleich am nächsten Tag wird er seinen neuen Job als Unterhalter beim Kindergarten antreten.
Benny kann es kaum erwarten.

Stefan Dörschel

(alle Rechte beim Autor)

Die kleine Rose

März 11th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Es war einmal ein Garten voller schöner Blumen. Im Winter schliefen sie tief und fest, im Frühling erfüllten sie alle mit Freude, im Sommer genossen sie die Sonne und im Herbst bereiteten sie ihre Betten vor. Wieder einmal war es so weit, und der Winter stand vor der Tür. Alle Blumen wünschten sich eine gute Nacht und kuschelten sich in ihre Betten. Nur eine sehr junge Blume, um genauer zu sein eine Rose, konnte einfach nicht schlafen. Sie hatte zum ersten Mal alle Jahreszeiten erlebt. Mit Sehnsucht dachte sie an den Frühling zurück. Traurig stand sie ganz alleine da und nahm sich trotzig vor, hier draußen auf ihn zu warten.

Nach einigen Tagen kam eine weiße Wolke vorbei und grüsste die Blume freundlich. Lächelnd tanzte die junge Rose im Kreis, doch da bemerkte sie, dass eins ihrer Blätter abfiel. Traurig blieb sie stehen und beendete ihren Tanz. Die Wolke schenkte der Rose eine Träne, doch die Träne gefror auf ihrem Weg zur Erde. Immer mehr Tränen vergoss die Wolke und bedeckte den Garten mit einem weißen Kleid. Die Rose sah unglücklich zur Wolke hinauf und begann zu zittern vor lauter Kälte. Mit sanfter Stimme hauchte die erfahrene Wolke: „Mein Kind, sei nicht traurig, wenn du alle deine Blätter verlierst. Begib dich zur Ruh und schlaf dich aus, denn schon bald wird dich die Frühlingssonne wieder wecken. Trotzig zu warten und müde in den Frühling zu starten wird dich nicht glücklich machen. Sammle Energie, um im Frühling wieder neu zu erblühen. Jetzt aber schnell ins Bett mit dir, denn der Frühling steht schon vor der Tür.“
Dankbar winkte die Rose, gähnte und konnte endlich in Ruhe einschlafen, denn sie wusste, dass die Frühlingssonne bald aufgehen würde.

 

Dean Gadaldi

(alle Rechte bei Autor)

Die Blumenwiese

März 9th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

“Gute Nacht, Linda.”, sprach die Mutter und klappte das Geschichtenbuch zu. “Gibt es so eine schöne Blumenwiese auch in Echt?”, fragte Linda. Die Mutter antwortete: “Natürlich, du musst dich nur gut umsehen.”

Es ist Samstag morgen; Linda wachte von einigen Sonnenstrahlen auf, die durch den Rolladen schimmerten, und streckte sich. Sie rieb ihre Augen und stand auf, um den Rollo hochzuziehen. Auf ihrem Fenstersims saß ein Vogel, der zur restlichen Schar am Himmel zwitscherte. Vater und Mutter saßen am Frühstückstisch und warteten nur noch auf Linda. “Na, was hast du an diesem herrlichen Frühlingstag vor, Linda?”, fragte der Vater. “Das weiß ich ganz genau!”, antwortete Linda wie aus der Kanone geschossen. “Ich möchte nach draußen, Ball spielen auf der schönsten Wiese.” Gesagt, getan. Noch schnell eine leichte Jacke übergezogen und los ging es. Linda ging in ihr Zimmer, holte ihren gelben Ball und stürmte die Treppe runter. Als sie aus der Tür ging, wehte ihr ein leichter Windstoß ins Gesicht. Sie hörte etwas, ein Geräusch, und folgt diesem bis sie an einer riesigen Eiche stehen blieb. Natürlich, es war Eichi! Ihr persönliches Hauseichhörnchen, nur dass es nicht im Haus, sondern im Vorgarten lebte. Linda vermisste es sehr, da sie es den ganzen Winter nicht zu Gesicht bekam. “Wo warst du nur so lange, Eichi?”
Könnte Eichi sprechen, würde es bestimmt von seinem Winterschlaf erzählen, aber da es das nicht konnte, sprang es von dem Baum und in Lindas Kapuze. Linda lief mit Eichi auf der Schulter den Gehweg entlang und weihte ihn in ihr heutiges Tagesziel ein. “Ich möchte die Wiese finden, wie in dem Buch, das Mama gestern vorgelesen hat und dort Ball spielen.” Da soll es ganz viele bunte Blumen geben und einen kleinen Bach mit einer Holzbrücke drüber und Bäume mit vielen leckeren Eicheln für dich und kleine Erdbeeren zum Pflücken und Pilze die ich für Mama zum Kochen mitbringen kann.” Es soll sehr schön dort sein, nur… kenne ich den Weg gar nicht, fiel Linda ein.
Also beschloss sie, immer der Nase nach zu laufen…
Es wurde immer wärmer und langsam taten ihr auch die Füße weh. Außerdem hatte sie Hunger. Sie kramte ihr Kleingeld aus der Tasche und freute sich, einen Bäcker gefunden zu haben.
Dort kaufte sie sich ein Hörnchen und fragte die Verkäuferin, ob sie nicht den Weg kannte. Die Verkäuferin sagte: “Ja sicher, es ist nicht mehr weit von hier.” Sie zeigte mit dem Finger nach vorne. Voller Freude lief Linda also weiter den Gehweg entlang, während sie ihr Hörnchen aß und Eichi die Krümel übrig ließ.
Da stand ein Schild: “200 Meter zur Wiese”
“Eichi!” schrie Linda begeistert, “wir sind gleich da!” Nach 200 Metern stieß Linda jedoch nur an ein dichtes Gebüsch.
Enttäuscht drehte sie um und schlug den Rückweg ein. Eichi aber sprang ihr von der Schulter und verschwand unter dem Gebüsch. Linda bemerkte, dass Eichi weg war und suchte es verzweifelt. Sie sah nach links und rechts und zwischen den Büschen, bis sie sein freudiges Quieken von unten hörte. Sie duckte sich und kroch unter den Büschen hindurch.
“Wooooooooow!” Linda traute ihren Augen nicht! So viele verschiedene Blumen in den buntesten Farben hatte sie noch nie gesehen! An einem Grashalm kroch gerade ein Marienkäfer hoch, Eichi hatte seinen Lebensvorrat an Eicheln gefunden und da war auch der Bach, von dem Linda sofort trank. Sie sah eine Reihe von Apfelbäumen, Birn- und Kirschbäumen. Schmetterlinge flogen durch die Luft, eine Biene ließ sich auf einem Gänseblümchen nieder. Glücklich und zufrieden warf Linda ihren gelben Ball der Sonne entgegen.

“Oh! Das war aber eine schöne Geschichte, Oma Linda.”, sagte Isabell, während sie ihren Hasen streichelte. “Denkst du so eine schöne Blumenwiese gibt es auch in Echt?”

Nadja Weiß

(alle Rechte beim Autor)

Frühlingszauber

März 3rd, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Die Sonne steigt gerade über den Hügel und erfüllt die Welt mit einem warmen Goldton. Das Licht flutet über die Äcker, Wiesen und Wälder. Marius, der kleine Sonnenstrahl, der heute das erste Mal mit auf die lange Reise über die Welt gehen darf, ist schon ganz aufgeregt. „Was uns wohl auf der Welt erwarten wird?“, fragt er neugierig den großen, alten Strahl, der neben ihm über die Erde surft. „So einiges. Lass dich überraschen“, tönt dieser mit tiefer Stimme. Marius fröstelt, als er knapp über dem Erdboden einen Schneehaufen streift. Sein Licht verwandelt sich plötzlich von einem dunkelrot in ein ganz helles Gelb. Fast wird er unsichtbar. „Was ist mit meinem Licht passiert?“, fragte der kleine Marius ängstlich. Der alte Strahl, Herbert, lacht. „Keine Bange, mein Junge. Die Temperatur des Schnees hat dein Licht gekühlt. Sobald du dich wieder aufgewärmt hast, wird es dunkler werden.“ „Das ist aber ein unhöflicher Schneehaufen…“, meint Marius. Aber die Traurigkeit ist aus seinem Gesicht verschwunden und er macht sich wieder voller Neugierde auf die Suche nach interessanten Dingen. Da erblickt er am Wegesrand eine kleine Gestalt. Ihr Gesicht ist genauso gelb wie sein Anzug. Aber ihr Kleid leuchtet in den schönsten Blautönen. Marius wird langsamer und schwebt ein Stück nach unten, um das Geschöpf, bei dem es sich um ein Mädchen handeln musste, von Nahem zu betrachten. Diese dreht sich just in diesem Moment um und blickt Marius mit funkelnden Augen an. Der kleine Strahl ist so gebannt von ihrer Schönheit, dass er kein Wort herausbekommt. „Hallo du.“, begrüßt ihn das Mädchen mit zarter Stimme. „Hallo…“, erwidert nun auch Marius und steigt von seinem Surfbrett. „Na, bist du heute zum ersten Mal auf der Erde?“, fragt das Mädchen. „Ja“, antwortet er zögernd „und was ist mit dir?“ Das Mädchen lächelt über die Unwissenheit des kleinen Strahles. „Ich bin eine Blume, ich erblühe jedes Jahr im Frühling, bereite den Menschen Freude und Glück. Doch sobald es kalt wird, verwelke ich und ziehe mich zurück.“ „Oh… dann bist du aber nur kurz auf der Welt.“ „Alles hat seine Zeit, aber sei nicht traurig, ich komme wieder. Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich wieder genau hier erblühen und auf dich warten.“ „Das ist aber schön. Dann sind wir jetzt Freunde?“ Das Mädchen lächelt und meint: „Aber sicher sind wir das.“ Marius erwidert ihr Lächeln und sein Licht wird mit einem mal dunkler und wärmer. „Ich werde dich ganz bestimmt besuchen. Wir Sonnenstrahlen leben sehr lange und vergessen nie.“ „Da bin ich mir sicher“, entgegnet das Mädchen. Sanft stupst Herbert seinen jungen Freund an. „Wir müssen langsam weiter.“ „Bis zum nächsten Jahr!“, ruft Marius der Blumendame zu und steigt wieder auf sein Surfbrett. „Weißt du was?“, fragt er an Herbert gewandt, „ich habe zwar noch nicht viel von der Welt gesehen, aber den Frühling mag ich jetzt schon am liebsten.“ Der alte Strahl nickt wissend. „Ja, der Frühling hat einen ganz besonderen Zauber.“

 

Larissa Zindel

(alle Rechte beim Autor)

Die Mäuse und der Frühling

Februar 26th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Der Winter hatte schon seit Monaten seinen eisigen, kalten, verheerenden Griff über das Land gelegt und jedwedes Leben in einen tiefen Schlummer versetzt. Eine dicke weiße Schneedecke überzog jeden Hügel, jedes Stückchen Ackerland, jeden Baum und jeden Strauch. Schneestürme fegten mit unerbittlicher Kraft über die einst so grünen Wälder und gaben der Natur einen unheimlichen, feindlichen, schauderhaften Glanz.
Tief unter einer großen, alten Eiche, im Wurzelwerk, versammelten sich die Mäuse, um über ihr Schicksal zu sprechen. Wenn der Winter nicht bald nachließ, würden sie alle zugrunde gehen.
Baltasar, der Älteste unter den Mäusen, hatte in den alten Schriften der verlassenen Abtei, die sich nur unweit der Eiche befand, eine Schriftrolle aus langvergessener Zeit entdeckt. Er teilte dem versammelten Mäusevolk mit, dass die Lösung, den Winter zu besiegen, darin bestehe, den Frühlingsgott Sisamotron zu erwecken. Dies werde allerdings keine leichte Aufgabe werden, da man sich dafür in die Kapelle der Abtei begeben müsse, um dort die magischen Worte auf geweihten Boden zu schreiben. Die Kapelle hatte schon vor Jahrhunderten ihre Schönheit und ihren Glanz dem Staub und Verfall preisgegeben. Sie war dem Ruin geweiht, doch eine weitaus dunklere Gefahr verbarg sich in der Kapelle. Ratten. Schwarze Ratten von immenser Größe lebten dort und trieben ihr Unwesen. Baltasar wusste um die Gefahr, doch er musste handeln, denn wenn nicht bald der Frühling Einzug hielt, waren sie alle, sowohl die Alten, als auch die Jungen, verloren. Er wusste, dass nur er in der Lage war, des Schicksals Blatt zu wenden und sein Volk zu retten.
Am oberen Portal, welches das Wurzelwerk und die Außenwelt voneinander trennte, angelangt, bemerkte Baltasar, dass er nicht alleine war. Eine junge, braune Maus war ihm gefolgt. Es war Wolli. Baltasar war über viele Jahre Wollis Lehrer  gewesen. Er hatte dem kleinen Mauserich alles beigebracht, was er über die Welt und wie sie funktioniert wusste. Baltasars Augen wurden glasig, als er erkannte, dass er nicht alleine diese Bürde tragen musste. Wolli wusste, worauf er sich eingelassen hatte, aber er wollte seinen Mentor und Freund nicht allein in eine ungewisse Zukunft ziehen lassen. Baltasar war für ihn immer mehr ein Vater gewesen als sein eigener, der König des Mäusevolkes, Trandin der Vierte.
Das Portal öffnete sich und ein eisiger Wind fegte über die Schwelle, und den beiden fröstelnd ins Gesicht. Sie zogen ihre Mäntel enger an sich ran und setzten die ersten Schritt in den Schnee. Es war kein weiter Weg bis zur Kapelle, allerdings im windigen, kalten Flockengewirr würde es bestimmt an ihren Kräften zehren. Der Sturm begann mit unermesslicher Gewalt zu wüten, als wolle der Winter selbst die Mäuse daran hindern ihr Ziel zu erreichen. Schneeflocken so groß wie die Mäuse selbst sausten an ihnen vorbei, doch sie stapften ununterbrochen weiter. Sie sahen kaum noch dreißig Zentimeter voraus, als sich plötzlich etwas großes sich vor ihnen auftürmte. Wolli erschauderte beim Anblick der alten Abtei, die sich langsam mit ihren steinernen Mauern vom schneeweißen Sturm abhob. Sie war ein Bollwerk des Überdauerns, das auch noch weitere Winter und Sommer überdauern würde. Steinern thronte sie über dem Land, ein Lichtstrahl der Hoffnung in einer sonst so dunkel geworden Welt.
Baltasar erzählten seinem Gefährten, der sichtlich beeindruckt war, die Geschichte der Abtei. Die Pest hatte vor einigen Jahren die Mönche vertrieben. Die Pest, eine Krankheit, die so unerbittlich über das Land gefegt hatte, dass die meisten Menschen ihr zum Opfer gefallen waren. Diese Abtei war einst ein Ort des Wissens und der Hoffnung, mit der größten Bibliothek im Land. Nun war es nur noch ein Mausoleum einer der größten Tragödien der Geschichte.
Wolli wurde sichtlich angespannter, als sie nun die kalten, kargen Räume der Ruine betraten. Bis zur Kapelle war es nun nicht mehr weit.
Als die beiden immer tiefer in die Ruine liefen, bemerkten sie leider nicht die Schatten die sich hinter ihnen auf den Mauern zeichneten. Ihr Eindringen war nicht unbemerkt geblieben. Die Augen, die jeden ihrer Schritte beobachteten, blieben von ihren Blicken unbemerkt. Sie wurden verfolgt von etwas Schrecklichem, das seit Jahren in den Ruinen hauste. Etwas, dass auch den Ratten aus der Kapelle die Zähne klappern ließ.
Es fegte ein frostiger Wind durch die Kapelle und Schnee fiel auf den Boden, da die Decke bereits vollständig verschwunden war.
Baltasar und Wolli hatten ihr Ziel nun endlich erreicht und waren froh, dass sie es soweit geschafft hatten. Baltasar beugte sich über und begann die Schriftzeichen auf den Boden zu zeichnen, als Wolli ihn auf die Schulter tippte. Baltasar drehte sich um und sah das, wovor er am meisten Angst hatte. Ratten. Sie waren überall. Auf den Balustraden, auf dem Weg, den sie gekommen waren. Sie waren umzingelt. Es gab keinen Ausweg, keine Flucht. Ihr Schicksal war besiegelt. Baltasar drückte Wolli nah an sich und betete dafür, dass sie ein schnelles Ende finden würden. Die Ratten kamen immer näher.
Doch plötzlich sprang aus einer dunklen, schattigen Ecke eine riesige Katze hervor, schwarz wie die Nacht. Sie machte sich über die Ratten her. Der Schnee färbte sich und durch Hallen von einstiger Schönheit hallte ein unheimlicher Klang, voller Schmerz und Leid.
Baltasar, der nun somit seine Chance erkannte, endlich das Ritual zu Ende zu führen, schreib das letzte Wort auf den Boden. In diesem Augenblick bemerkte die Katze die zwei und sprang in ihre Richtung. Alles war umsonst gewesen dachte Wolli, als plötzlich ein heller Lichtstrahl durch die Decke auf die Mäuse fiel. Die Katze war davon geblendet und prallte gegen die Mauer.
Die Mäuse spürten die Wärme, die vom Licht ausging. Sie wussten sie hatten es geschafft, den Frühlingsgott Sisamotron zu rufen. Der Sturm, der draußen fegte erlosch. Eine Stille überzog das Land, voller Hoffnung auf einen Neuanfang. Die Natur findet immer wieder einen Weg, auch wenn er schwierig ist. Sisamotron war endlich wieder hier und mit ihm das Leben.
Der Schnee wurde vertrieben, die Welt erblühte. Dies alles war zwei mutigen Mäusen zu verdanken, die sich auf eine Reise ins Ungewisse gemacht hatten, um ihre Welt zu retten.

 

Stefan Vitelariu

(alle Rechte beim Autor)

So schön kann der Frühling sein

Februar 24th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Wenn der Schnee schmilzt, das Gras grüner wird und die ersten Blumen aus dem Erdboden lachen, heißt es “Tschüss Winter”, denn nun kommt die langersehnte Frühlingszeit, auf die wir uns schon alle freuen. Wärmere Tage und bunte Blumen sind nicht das Einzige, was uns die Frühlingszeit zu bieten hat. Bäume und Sträucher, die zum Leben erwachen und sich in voller Blüte zeigen; und so manchem wird es warm ums Herz. Nun lasst uns aufschauen und erfreut sein, denn endlich sind die kalten Tage und langen Nächte vorbei. Die Sonnenstrahlen kitzeln auf der Haut und zaubern uns ein Lächeln aufs Gesicht. Auch die Kinder dürfen erfreut sein, wenn sie wieder bei sonnigem und warmem Wetter auf dem Spielplatz herumtoben können. Die Zugvögel, die ihren Winterurlaub im Süden verbracht haben, kommen nun auch wieder zu uns zurück.

Diese Frühlingszeit nutzten auch Felix und Philipp um auf Entdeckungstour zu gehen. Am Nachmittag nach der Schule machten sich die beiden auf, um am Waldrand Krokusse zu suchen. Sie wollten mit einem kleinen Frühlingsstrauß ihre Mutter erfreuen. Gemeinsam krochen sie unter Sträucher und Büsche und pflückten die weißen und violetten Frühlingsboten, die sich wie ein Teppich am Boden ausbreiteten. Als sie so dahinpflückten, rief Felix aus: „Philipp, schau, da liegt ein Vogelei am Boden!“ Philipp kam herbeigeeilt, um das Vogelei zu sehen. „Was machen wir jetzt mit dem Vogelei?“, fragte Philipp. „Ich glaube, dass wir es nicht mit den Händen anfassen dürfen, weil es sonst seine Mutter verstoßen könnte“, meinte Felix. „Wo könnte das denn herkommen?“, fragte Philipp und sah in die Luft, ob er wohl irgendwo ein Vogelnest entdecken würde. Und tatsächlich, über ihnen im Gebüsch sah er ein Vogelnest, in dem noch zwei Eier lagen. „Wenn wir ein Blatt nehmen und es darauf legen würden, dann müssten wir es ja nicht anfassen.“, erklärte Felix. Ja und da hatten sie ein Problem, weil die Blätter noch relativ klein waren und das Ei nicht darauf passte. Sie ließen sich aber nicht davon abhalten, dem kleinen Vogelbaby zu helfen und dachten sich eine neue Strategie aus. „Wir könnten es mit ein bisschen Waldmoos einwickeln und dann in das Nest legen“, meinte Philipp. Gesagt, getan. Die zwei suchten sich ein großes Stück Waldmoos, hoben das Vogelei sachte auf und legten es behutsam in das Vogelnest. Nun warteten sie leise und versteckt, bis die Vogelmutter zurück zum Nest kam. Als sie sahen, dass sich die Vogelmutter glücklich auf ihre Eier setzte, wussten sie, dass sie das Richtige getan hatten. Glücklich, ein Leben gerettet zu haben, nahmen sie ihren gepflückten Blumenstrauß und gingen nach Hause.

Zu Hause angekommen mussten sie alles bis aufs kleinste Detail ihrer Mutter erzählen. „Ich bin richtig stolz auf euch“, sagte die Mutter und bedankte sich bei beiden für die ersten Frühlingsboten, die sie ihr mitgebracht hatten. „So schön kann der Frühling sein“, meinte Felix verschmitzt, und beide hofften noch auf viele tolle Erlebnisse.

Lukas Oberhuber

(alle Rechte beim Autor)

Griechisches Frühlingserwachen

Februar 21st, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Goldene, warme Strahlen suchten sich einen Weg durch das leuchtend grüne Blätterdach und trafen auf saftige Wiesen und glitzernde Seen. Feine Staubpartikel schwebten durch die frische, nach Blumen riechende Luft. Inmitten der gewaltigen Lichtung erhob sich ein strahlend weißes Gebäude, dessen goldene Verzierungen und Ornamente im Licht der Sonne funkelten. Das fröhliche Gezwitscher der zahlreichen Vögel, die in den kleinen Nischen der Dachkuppel oder in ihren eigenen Nestern in den Bäumen lebten, erfüllte die Umgebung mit Leben. Thalatte, die griechische Göttin des Frühlings, hob anmutig den Kopf und begutachtete ihr Werk. Die neue Jahreszeit hatte ihren langen, kalten Schlaf beendet. Sie hatte dem Frühling geholfen zu erwachen und aufzustehen. Laufen würde er, wie jedes Jahr, von ganz alleine lernen. Ihr Blick huschte zu einem der vielen Balkone der mittleren Dachkuppel. Zufrieden lächelte Zeus, der Göttervater, auf sie herab. Seine fröhlichen Augen konnten sich an der Blüte des Lebens gar nicht satt sehen. In diesem Moment gesellte sich Hera, seine Gefährtin zu ihm. Er legte einen Arm um sie und deutete auf die friedliche wunderschöne Landschaft vor ihnen. “Der Frühling hat begonnen”, flüsterte er begeistert. Thalatte nickte dem Paar lächelnd zu. Ein stummer Gruß wie auch ein verheißungsvoller Abschied, voller Vorfreude auf das nächste Jahr. Sacht streckten sich die kühlen Grashalme nach ihren nackten Füßen, schlossen sich sanft um ihren Knöchel, um dann weiter an ihr heraufzuwachsen. Mit jedem weiteren grünen Zweig der sich um ihren Körper schloss, wurde dieser kleiner, bis eine vom Wind verwehte Rose das Einzige war, das von ihr zurückblieb. Zeus schickte seine Gesandte des Frühlings, herab zu den Sterblichen auf die Erde, damit sie auch dort den Winter verscheuchte und die Sonne zurück brachte.

Ich strich meiner kleinen Schwester sanft über die Wange und klappte mein kleines Geschichtenbuch zu. Sie sah mich aus schläfrigen Augen begeistert an. “Ich will die Göttin des Frühlings auch treffen. Ich will auch endlich Frühling…”, murmelte sie und ihr müder Blick wanderte zum Fenster und von dort nach draußen auf die verschneite Landschaft unseres kleinen Gartens. “Bald”, versprach ich ihr flüsternd und deckte sie bis zum Kinn zu. “Bald kommt sie auch zu uns auf die Erde und weckt den Frühling aus seinem Winterschlaf auf.” Sie kuschelte sich in die weiche, wollige Decke. “Ich freu mich schon darauf”, wisperte sie, gähnte noch einmal herzhaft und war im nächsten Moment auch schon mit einem vorfreudigen Lächeln auf den Lippen eingeschlafen.

Fabienne Introini

(alle Rechte beim Autor)