April 3rd, 2013 / Author: David Jans
“Never perfect. Always fun. If you wait for perfection to have fun, when will that happen? Never.”
Lane Alexander
Erst wurde noch gezweifelt, dann stand es doch fest: Auch in diesem Jahr setzte Lane Alexander aus Chicago die Tradition fort und gab einen Workshop im Tanzraum 51 in Filderstadt. Vom 22. bis 24. März brachte er dort sowohl die Sohlen als auch die Köpfe zum Rauchen. Ein Bericht von Leonie Bredl
Wenn Lane Alexander nach Stuttgart kommt, wirkt er wie ein Magnet, der die Stepplatten aus der näheren und der nicht ganz so nahen Umgebung anzieht. Das ist kein Wunder: Er ist einer der renommiertesten Steptänzer in den USA. Seine Vita ist lang und auch die Liste der bekannten Steptänzer, mit denen er schon getanzt hat. 1990 gründete er zusammen mit Kelly Michaels das Chicago Human Rhythm Project, das sich zum Ziel gesetzt hat, Gemeinschaft durch Rhythmus zu bilden. Er ist Artistic Director des American Rhythm Center in Chicago, wo er auch unterrichtet. Außerdem gibt er regelmäßig Workshops auf allen Kontinenten, unter anderem auch einmal im Jahr in Filderstadt bei Stuttgart.
Der Workshop im Tanzraum 51 beginnt freitagabends mit 2 Stunden “Technique Spezial”. Am Samstag und Sonntag gibt es dann insgesamt 5 Stunden Steptanz für Anfänger mit Vorkenntnissen, Mittelstufe II und Fortgeschrittene (Masterclass). Auch die Veranstalterin Karin Ould Chih übernimmt nicht nur die Organisation, das Kuchenbacken, die Bewirtung, das Aufräumen, das Kümmern um den Gast und das “Für-Alle-Fragen-Da-Sein”, sondern unterrichtet tatsächlich selbst auch noch zwei Stunden “Southafrican Gumboot”. Das ist der Tanz der südafrikanischen Minenarbeiter, der, wie der Name schon sagt, in Gummistiefeln getanzt wird. Es ist zwar mörderisch anstrengend, macht jedoch unheimlich Spaß! Und auch wenn die Waden und Handflächen hinterher vom vielen Klatschen und Stampfen ganz schon weh tun, können die Teilnehmer stolz auf sich sein: Obwohl nicht alle mit Vorkenntnissen angekommen sind, ist eine tolle Choreografie auf die Beine gestellt worden!
In Lane Alexanders Stunden wird auf Latino-Rhythmen und Walzer gesteppt. Während es im Anfängerkurs hauptsächlich darum geht “das Instrument zu stimmen” (die Technik auszuarbeiten), wird ab der Mittelstufe schon ordentlich drauflos gespielt. Lane schafft es, die perfekte Balance zu finden zwischen genauem, langsamen Wiederholen der Steps und TEMPO! Man wird gefordert, aber nicht überfordert. Und eines darf nie fehlen: DER SPASS! Und natürlich: Lockerheit. “Be a Nudel” ist Lanes Devise.
Er ist zu 100% fokussiert und energiegeladen. Er erkennt sofort, wer wo Probleme hat oder unsicher ist, und ist dann zur Stelle. Immer wieder fragt er: “Yes? No? Maybe?”, um sicherzustellen, dass keiner auf der Strecke bleibt. Verständlich und äußerst humorvoll erklärt er Rhythmen, Schritte und was es generell zu beachten gibt.
”Mein Lieblingswort auf deutsch ist ‘genießen’. Always enjoy the breaks, don’t hurry,“ sagt er.
Die Uhr scheint es trotzdem eilig zu haben – kaum hat er angefangen, ist der Workshop auch schon wieder um. Doch eines haben die Teilnehmer auf jeden Fall: ihn so richtig genossen!
Mehr Informationen
zu Lane und seinem Chicago Human Rhythm Project unter:
www.chicagotap.org
zum Tanzraum 51 und Karin Ould Chih unter:
www.tanzraum51.de
 
Fotos: © Karin Ould Chih
Februar 13th, 2013 / Author: David Jans
Nach J.K. Rowlings Erfolgsgeschichte folgte nun die nächste Cinderella-Story: Die vorher unbekannte britische Autorin E.L. James landete mit ihrem Erotikroman „Fifty Shades of Grey“ einen internationalen Bestseller. Insgesamt 65 Millionen Exemplare des Buches gingen weltweit über die (virtuelle) Ladentheke, der Roman verkaufte sich in Großbritannien sogar schneller als „Harry Potter“. Auch in Deutschland halten sich alle drei Bände der Trilogie auf den ersten Plätzen der Spiegel Bestsellerliste. Bei so viel Hype habe ich mir das Buch doch einmal näher angeschaut.
„Fifty Shades of Grey“ handelt von einer unschuldigen, durchschnittlichen Studentin, die einen Mann kennenlernt, der gutaussehend, charismatisch, erfolgreich und sehr wohlhabend ist. Das einzige Problem: Er hat ein mysteriöses Geheimnis, das es fast unmöglich zu machen scheint, mit ihm eine gewöhnliche Beziehung zu führen. Trotzdem wird er es versuchen. Nur für sie.
Klingt vertraut? Ja, tatsächlich ist das in etwa der Handlungsverlauf eines jeden Schundromans. Doch vor allem an einen ganz bestimmten Fantasy-Roman erinnert das Buch: an Stephenie Meyers „Twilight“. „Fifty Shades of Grey“ spielt sogar in derselben Gegend um Seattle. Dies ist nicht weiter verwunderlich, schließlich gibt die Autorin offen zu, dass sie sich von der Vampirsaga hat inspirieren lassen. Sie ist bekennender Twilight-Fan und hat in der Vergangenheit Fangeschichten im Internet veröffentlicht. Aus einer dieser Fangeschichten entstand dann auch ihr Bestseller.
Christian Grey ist kein Vampir. Er ist ein kontrollsüchtiger Mann, der sich für die Praktiken des BDSM (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism) begeistert. Das bedeutet nicht nur, dass er auf Schläge und Fesselspielchen steht, sondern auch, dass Anastasia Steel – die Studentin – einen Vertrag unterschreiben muss, der besagt, dass sie von Freitagabend bis Sonntagabend seine Untergebene ist. Darin wird auch festgehalten, welche Limits beide Vertragspartner setzen und welche Praktiken ausgeschlossen werden. Anastasia jedoch wünscht sich eine Liebesbeziehung – was für Christian wegen seiner traumatischen Kindheit nicht möglich ist. Im ersten Band hadert Anastasia also lange mit der Entscheidung, ob sie den Vertrag unterschreiben soll. Und hadert. Und hadert. Und hadert. Und kommt endlich zu einer Entscheidung. Und der erste Band ist aus.
Doch um den zweiten Band in die Hand zu nehmen ist schon der erste entschieden zu langatmig. Sollten alle drei Bände ähnlich geschrieben sein, hätte man getrost auf die Trilogie verzichten können und einen Band daraus machen. Doch das entsprach dem Verlag vermutlich zu wenig der Mode und dem Gedanken der Gewinnmaximierung.
Literarisch ist das Buch schlichtweg schlecht. Durch die immer wiederkehrenden Dialoge und die sprachlichen Wiederholungen ist es sehr zäh zu lesen. Die wohl am häufigsten vorkommenden Worte sind „holy crap“ und „fuck“, gerne auch kombiniert zu „holy fuck“, wenn Anastasia besonders geschockt ist. Sonderlich erotisch ist das nicht.
Die Figuren wirken fast 1 zu 1 aus „Twilight“ abgekupfert und erleben im Verlauf des Buches keine Entwicklung.
Am anstrengendsten ist die Figur des Christian Grey, der spricht als würde der Autor einer Daily Soap die Dialoge für ihn schreiben („I don‘t make love, I fuck… hard“ oder auch „I want you sore, baby. Every time you move tomorrow, I want you to be reminded that I’ve been here. Only me. You are mine.”). Noch dazu kündigt er jedes Mal vorher den Sex an („I am going to have you now“), dabei kommt der meistens gar nicht so unerwartet.
Weshalb also ist das Buch so beliebt?
Die Geschichte ist zwar wahrlich nichts Neues, scheint aber immer wieder zu funktionieren: Das unscheinbare Mädchen, das sich in einen umwerfenden Mann verliebt, der zwar gefährlich für sie ist und doch alles daran setzen würde, sie zu beschützen. Ob der Angebetete nun Christian Grey, Edward Cullen oder Heinrich Faust genannt wird, ist irrelevant.
Vielleicht ist es heutzutage nicht mehr einfach oder sogar unmöglich, wirklich neue Geschichten zu erfinden. E.L. James‘ Ideenklau ist zwar sehr offensichtlich, doch sie sagt auch offen, dass „Fifty Shades of Grey“ ursprünglich nur als Fanfiction gedacht war. Was erschüttert ist dann wohl eher der Hype aus den Reihen der Leser.
Natürlich ist da der Sex und der Reiz des Verruchten. Die Sexszenen sind alle sehr explizit geschrieben und natürlich ist der Sex immer gut. Auch erwartet man vom Buch vermutlich einen gewissen Schockeffekt, schließlich geht es um Sadomasochismus. Nun ja, zumindest der erste Teil ist noch sehr harmlos. Die Sexspielchen mögen nicht jedermanns Sache sein, doch wirklich schockierend sind sie nicht.
Trotzdem gibt es zahllose Bücher wie „Fifty Shades of Grey“ und manche davon sind bestimmt literarisch um einiges wertvoller. Es wurden auch schon Bücher über BDSM oder andere kontroverse Sexpraktiken veröffentlicht.Was ist also das große Geheimnis?
Geschicktes Marketing? Oder ist der Erotikroman tatsächlich nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda erfolgreich geworden?
Das könnte dann bedeuten, dass viele Menschen ein geheimes Verlangen nach BDSM-Praktiken haben. Oder, dass die Leser offener und aufgeklärter mit dem Thema Sex und dem Tabuthema Sadomasochismus umgehen wollen.
Oder einfach, dass viele Menschen nicht fähig sind zwischen anspruchsvoller und weniger anspruchvoller Literatur zu unterscheiden und daher lieber das konsumieren, was ihnen vorgesetzt wird – um ganz nebenbei eine Durchschnittsautorin um Millionen Dollar reicher zu machen.
Stephenie Meyer interessiert sich übrigens nicht im geringsten für das Buch ihres großen Fans und hat nicht vor es zu lesen.
Leonie Bredl
Februar 6th, 2013 / Author: David Jans
Die Fantasie-Vorstellung von einer Darsteller-Agentur und von einem Agenten
Jetzt bin ich in einer Agentur und habe es geschafft! Falsch!
90% der Arbeit muss der Schauspieler selber erledigen, denn Agenturen müssen sich gleichzeitig um viele Darsteller kümmern.
Die Film- und die Theaterindustrie unterscheiden sich kaum voneinander, in der Hinsicht, dass sie gerne kein Risiko eingehen. Im Theater ist es die Wahl der Stücke, beim Musical, wie z. B. am Broadway und in London, möchten sie wenigstens ein bekanntes Gesicht aus der Musicalszene oder der Filmbranche haben und beim Film, um die Einschaltquoten zu sichern, wenigstens einen bereits namenhaften Schauspieler in einer der Hauptrollen.
Da empfehlen viele Agenturen natürlich in erster Linie ihre ‘Sternchen’ und dann die Newcomer, daher müssen die Schauspieler selber schauen, wo etwas im Gange ist und wo gerade gecastet wird und sich direkt mit Foto, Demoband und Vita bewerben.
Diese These lässt sich ganz einfach mit einem Beispiel erklären:
Steven Spielberg kontaktiert zwei Agenturen um diese nach Besetzungsvorschlägen für die weibliche Hauptrolle zu fragen. Sein Ziel ist es mit seinem neuen Film die ‘Box Offices’ zu sprengen.
Die eine Agentur empfiehlt ihm eine Newcomerin und die zweite Agentur empfiehlt ihm Kirsten Dunst. Er wird mit der zweiten Agentur ins Geschäft kommen um keine Risiken einzugehen, da sich den Film nur wenige anschauen werden, wenn sie keine der Gesichter im Film kennen.
(Dieses Beispiel ist fiktiv)
Die meisten Künstler glauben auf ganz naive Art und Weise, dass der schnellste Weg um an gute Jobs zu gelangen, ein guter Agent ist, denn dieser ist ganz loyal und geht von Tür zu Tür und empfiehlt nur sie.
So leicht ist es leider nicht und entspricht eher einer Traumvorstellung.
Wenn man sich den Beruf eines Agenten genauer anschaut merkt man, dass Agenten noch nicht ein Mal konkret für einen Schauspieler arbeiten, sondern eher für den Caster vom Regisseur oder Produzenten. Und sie wissen, dass wenn sie dem Caster das geben wonach er sucht, er diese Agentur immer wieder anschreiben wird.
Wenn die Agenturen immer mit der Tür ins Haus fallen würden und alle ihre Darsteller impulsiv empfehlen würden, dann würden sie von keinen großen Produktionen mehr engagiert werden und ihre Agentur schließen müssen.
Andrew Reilly hat dieses Prinzip mit einer kleinen Formel in seinem Buch ‘An Actor’s Business’ auf Seite 44 erklärt:
„Die Person die ein Produkt mietet, ist der Regisseur oder Produzent.
Die Person die auf Shoppingtour nach diesem Produkt geht ist der Caster.
Das Produkt ist der Darsteller, welcher einen Platz im Regal der Agentur hat, bis ein Kunde ihn mieten möchte.
Der Einkaufsladen ist die Agentur.“
Seine Formel verstehe ich ganz einfach so:
Wen beachtet ein Verkäufer (Agent) am meisten und wem gebührt seine Loyalität?
Dem Kunden, also der Produktion und dem Caster (K-I-K = Kunde ist König), der Schauspieler ist und bleibt ein Produkt.
Jeder Schauspieler muss anfangen sich selber als ein selbständiges Business zu sehen.
Wenn man ein Chef eines Geschäftes wäre, würde man auch nicht zu Hause auf der Coach sitzen und warten, dass jemand etwas von einem kaufen möchte, sondern man würde sich täglich neue Marketing-Methoden überlegen und was man an dem Laden, also an sich selber verbessern kann und noch tun kann, damit man noch gefragter ist.
Zu empfehlen sind auch Veranstaltungen wie zum Beispiel Premierenfeiern, Festivals, Workshops etc. um viele Menschen kennen zu lernen, denn man sollte jeden Tag wenigstens 5 interessante Personen kennen gelernt haben, die einem nutzen könnten. Das habe ich von diversen Castingagenten aus Hollywood gelernt, unter anderem von Lindsay Baldasare, die für ‘Gossip Girl’ gecastet hat und Sibby, welche den Cast für ‘CSI’ und ‘The Mentalist’ engagiert hat.
Stelle dir nun ehrlich die Frage, wie viele Menschen, die dich in diesem Beruf weiter bringen werden, hast du heute kennen gelernt?
Man muss raus gehen und nicht zu Hause warten!
Agenten sind gut, wenn man einen Auftrag kriegt, damit diese über die Zahlung und den Vertrag noch verhandeln. Sie achten auf mehr Details, auf welche der Schauspieler selber nie kommen würde, da er einfach nur vor der Kamera oder auf der Bühne sein möchte.
Sie verschaffen oft eine größere Zahlung, als am Anfang gedacht war, da sie auch sich selbst im Interesse haben, aufgrund der Provision.
Erhält der Agent mehr Geld für seinen Darsteller, erhält er mehr für sich.
Eine Agentur ist notwendig, damit ein Schauspieler sich eher als professionell präsentieren kann, um dem Darsteller den besten Vertrag zu ermöglichen und um ihm eine Plattform zum Präsentieren zu bieten.
Doch soll man sich auch hier wieder merken, der Agent verkauft keinen Schauspieler und verschafft ihm nicht alleine einen Job, denn das ist die Arbeit vom Schauspieler ganz alleine.
Bei der Suche nach der richtigen Agentur sollte man darauf achten, dass es nicht die beste Agentur im Lande ist, welche nur Stars im Archiv hat, denn da hat man eher selten die Chance, als Anfänger irgendwo empfohlen zu werden – jeder will ein Sternchen in seinem Film.
Man sollte sich in der Agentur direkt wohlfühlen und darauf achten, dass man menschlich behandelt wird.
Das Allerwichtigste allerdings ist, dass man schauen muss, dass man keine Aufnahmegebühren zahlen muss oder viel Geld für professionelle Bilder. Diese sind für die Agentur zwar wichtig, doch wenn man bereits professionelle Bilder hat, nicht notwendig.
Seriöse Agenturen sind immer gebührenfrei!
Viel Erfolg und denkt immer daran, jeder Künstler ist selber für seine Karriere verantwortlich!
Sabina Bekovic
Januar 15th, 2013 / Author: David Jans
Cloud Atlas ist eine Verfilmung des Buches ‘Wolkenatlas’ von David Mitchells und gilt als einer der teuersten deutschen Filme, neben dem Film Parfum. Andy und Lana Wachowski und Tom Tykwer haben gemeinsam das Drehbuch zum Film geschrieben, wie auch die Regie geführt.
Der Film wurde top besetzt mit Schauspielern wie Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess und vielen mehr. Wir Deutschen konnten uns leider nur durch eine Katy Karrenbauer, welche auch in Scripted Realitys, wie X-Diaries zu sehen ist, präsentieren. Da es eine deutsche Produktion ist, hätte man auf größeres Talent aus unserem Land hoffen können.
Der Inhalt in Cloud Atlas besteht aus 6 Geschichten, welche sich auf 500 Jahre ausbreiten. Diese erzählen von einer Adelsfamilie die sich mit dem Thema der Apartheid auseinandersetzen muss, einer Journalistin, welche die Wahrheit über eine mächtige Organisation erfahren möchte und nun mit ihrem Leben scheinbar büßen muss, einem alten Mann, welcher gegen sein Willen in ein Seniorenheim hinein gesteckt wurde, einem Hirten in der postapokalyptischen Zeit, einem jungen Komponisten, welcher mit seiner Sexualität und Liebe während dem 17. Jahrhundert kämpfen muss und Sonmi, welche für das Recht auf ein freies Leben kämpft.
Durch die vielen Unstimmigkeiten und den Glauben an Reinkarnation, an Schicksal und daran, dass uns Gott auf die Welt geschickt hat, um eine bestimmte Aufgabe zu erledigen, ist der Film nichts für Logiker, Cloud Atlas hat andere Stärken!
Auch wenn es einige Ungereimtheiten gibt, steuert der Film konstant auf ein und dieselbe Aussage zu: Er unterrichtet uns über das Thema Schicksal und dass im Leben nichts ohne Grund passiert, über Reinkarnation und den Willen seine Ziele zu erreichen.
Wenn man sich ganz auf den Film einlässt, erkennt man alle Parallelen der Geschichten. Cloud Atlas ist so nah am Menschlichen gebaut, dass es nahezu unmöglich ist nicht mitzufühlen, zu weinen, nachzudenken oder sich zu fürchten.
Die Musik im Film ist perfekt eingebaut und unterzeichnet jedes der Geschehnisse und Emotionen im Film auf den Punkt genau. Es ist außerdem umso rührender, dass die Symphonie – die von dem Komponisten aus dem 17. Jahrhundert geschrieben wurde – den Namen ‘Wolkenatlas’ trägt und uns ihr Klang durch das Film-Geschehen begleitet.
Tom Hanks konnte durch seine unterschiedlichen Rollen, Gefühlszustände, dem Wechsel zwischen Gut und Böse und seine allgemeine Vielseitigkeit in dem Film Cloud Atlas wieder auf das schauspielerische Niveau, welches er uns in Forrest Gump gezeigt hat, aufblühen. Auch Ben Wishaw, welcher in Skyfall zu sehen war, spielt den homosexuellen Komponisten des 17. Jahrhunderts gekonnt, sympathisch und mit einer schön zu betrachtenden Leichtigkeit.
Charmant ist auch, dass die Wachowski-Geschwister, die in Cloud Atlas sowie in Matrix die Regie geführt haben, eine große Ähnlichkeit an die Matrix-Reihe eingebaut haben: Hugo Weaving übernimmt dieselbe Charakteristik, wie in seiner Rolle als Mr. Smith in der Matrix-Reihe, der einzige Unterschied ist, dass ihm die Brille und der Anzug gefehlt haben. Er übernimmt in jedem Jahrhundert die Rolle des Bösewichts, welcher die Guten von der Arbeit und der Offenbarung abhalten wollte, wie eben Mr. Smith.
Es ist ein wundervoller Film, welcher alle Genres abdeckt!
Ich nehme mir sogar das Recht ihn, wie die Symphonie im Film, als ein Meisterwerk zu bezeichnen. Die Schauspieler, der Schnitt, die Einstellungen, wie auch die Musik sind so durchdacht und auf den Punkt genau, dass man gar nicht anders kann als mitgerissen zu werden. Für alle Cineasten ein Muss, aber auch für alle anderen ist dieser Film eine Bereicherung, welcher uns zum Nachdenken anregt.
Cloud Atlas erzeugt dasselbe in uns wie früher klassische Theaterstücke, denn wir gehen nach Hause und durchlaufen eine Katharsis, wir denken über unsere Taten nach und werden besser, auch wenn es bei manchen kürzer und bei anderen länger anhält.
Sabina Bekovic
Januar 11th, 2013 / Author: David Jans
Mit „Der Trafikant“ ist dem Wiener Buchautor Robert Seethaler sicherlich ein großer Wurf gelungen: Seit dem Erscheinen des Romans im September 2012 begeistert er Leser und Presse. Bereits im Dezember erschien die zweite Auflage.
Das Buch erzählt die Geschichte des 17-jährigen Franz Huchel, der 1937 seine Heimat am Attersee verlässt, um nach Wien zu gehen. Dort soll er in der Trafik, also einem Zeitungs- und Tabakgeschäft, eines Bekannten seiner Mutter, Otto Trsnjek, arbeiten. Einer der Kunden dort ist auch der bekannte „Deppendoktor“ Sigmund Freud. Franz ist vom ersten Moment an fasziniert von diesem in die Jahre gekommenen Professor und zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft.
In Wien trifft Franz auch auf die hübsche Böhmin Anezka, in die er sich sofort verliebt – leider jedoch unglücklich.
Doch nicht nur Liebeskummer und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens machen Franz zu schaffen: Auch gewinnen die Nationalsozialisten an Zuspruch in Österreich und das politische Klima in Wien verändert sich drastisch. Juden und Quertreiber müssen das Land verlassen oder werden verhaftet. Zu den Quertreibern gehört wohl auch Otto Trsnjek und zu den Juden Sigmund Freud und so wird Franz schon bald viel tiefer in die Geschehnisse hineingezogen, als es gut für ihn ist.
Erzählt wird die Geschichte fast durchgehend aus der Sicht von Franz. Anfangs wird nur wenig über seine Figur verraten und die Geschichte wirkt fast etwas märchenhaft. Man fühlt sich, als würde man sie von einem Bekannten erzählt bekommen, gut erzählt aber nur umrissen und ohne viele Einzelheiten. Nach und nach ändert sich dieser Stil jedoch. Franz lernt sich selbst in Wien mehr und mehr kennen und mit jedem bisschen scheint auch der Leser ihm näher zu kommen.
Während Franz dann ganz mit den Problemen eines Heranwachsenden beschäftigt ist, mit seiner Lehre, mit Anezka und seinen ersten sexuellen Erfahrungen, da schleicht sich parallel wie ein Schatten der zweite Weltkrieg heran, fast unbemerkt und doch ständig allgegenwärtig. Franz‘ Naivität erinnert fast schon an die heutige Politikverdrossenheit der jungen Generationen, die so vertieft in ihre eigenen Probleme scheinen, dass das Weltgeschehen mitsamt Euro-Krise und Nahost-Konflikt an ihnen vorbeizieht.
Als Franz sich fragt, welche Berechtigung seine dummen, kleinen Sorgen überhaupt „neben diesen ganzen verrückten Weltgeschehnissen“ haben, da gibt Sigmund Freud einen Ansatz zum Nachdenken: „Ich glaube, da kann ich dich beruhigen: Erstens sind Sorgen in Bezug auf Frauen zwar meistens dumm, aber selten klein. Und zweitens könnte man diese Frage auch andersherum stellen: Was hat dieses ganze verrückte Weltgeschehen überhaupt für eine Berechtigung neben deinen Sorgen?“ (Seite 138)
Die Beschreibung Sigmund Freuds ist sehr lebhaft und macht tatsächlich Lust, sich mit seinen Büchern und der Psychoanalyse zu beschäftigen. Im gesamten Buch ist zu spüren, wie gut sich der Autor mit der Thematik, der Person Sigmund Freuds, den Schauplätzen und dem historischen Hintergrund auseinandergesetzt hat. Allerdings passiert dies nie auf eine aufdringliche Weise, als würde der Autor mit Einzelheiten und Fakten prahlen wollen, sondern stets dezent und nur da, wo es hingehört. So zum Beispiel die Beschreibung der Sprechweise Sigmund Freuds:
„Er sprach langsam und so leise, dass er nur schwer zu verstehen war. Dabei öffnete er kaum den Mund. Es war, als ob er jedes einzelne Wort nur unter erheblicher Anstrengung durch die Zähne gepresst bekäme.“ (Seite 37)
Die Thematik, also der Nationalsozialismus und der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, ist von Robert Seethaler mutig gewählt. Es gibt bereits unzählige Bücher und Filme, die die tragischen Schicksale des zweiten Weltkrieges beleuchten und die meisten davon drohen unübersehbar mit dem erhobenen Zeigefinger. Man könnte meinen, die Leser seien dem schon überdrüssig geworden.
Doch Seethaler lässt den Zeigefinger weg und genau das macht das Buch angenehm zu lesen. Das Kriegsgeschehen wird einem nicht penetrant aufgedrückt, obwohl es doch Bestandteil der Geschichte ist. Der Autor erzählt einfach die ganz schlichte Geschichte eines unscheinbaren, nichtjüdischen und äußerst naiven Lehrjungen, dessen Schicksal nicht weniger tragisch ist als das der Anne Frank.
Seethaler erzählt mit viel Liebe zum Detail und zeichnet seine Figuren mit zärtlicher Genauigkeit. Sei das nun der Weberknecht, der an Sigmund Freuds Zimmerdecke zittert oder der Geruch des Professors, der Franz an Sägespäne erinnert.
Sein Schreibstil ist leicht und enthält diesen typischen humorvollen und doch trockenen Charme, wie scheinbar nur Österreicher ihn einzusetzen wissen. Die Handlung ist einfach und ohne viel Schnörkel und vielleicht gerade deshalb wunderbar fesselnd.
Auch der Einband ist schlicht und trotzdem ansprechend gehalten. Das dünne Buch – klassisch gebunden und mit stilvollem Lesebändchen – ist perfekt für unterwegs und es passt trotzdem die ganze Geschichte hinein. Die Handlung ist schön abgerundet und auf den Punkt gebracht.
Alles in allem ist „Der Trafikant“ das schlichteste und wunderbarste Buch, das ich seit langem in die Hand bekommen habe. Es nimmt einen so sehr gefangen, dass man erst, wenn man das Buch wieder zugeschlagen hat, merkt, wie schwer es ist, wieder daraus aufzutauchen.
Leonie Bredl
Dezember 24th, 2012 / Author: Jessica Maria Kunz
Es schneite. Tausende weiße, glitzernde Flocken tanzten über den Nachthimmel und legten sich dann langsam auf Bäume, Hausdächer, Autos und Straßen. Es war kurz vor zehn und die Straßen waren leer. Nur eine einzige Fußspur folgte mir durch den frisch gefallenen Schnee. Ich hielt an und sog die eiskalte Luft in meine Lungen. Die Welt um mich herum wirkte wie verzaubert. Sterne, Schneeflocken und Eiszapfen funkelten um die Wette, und wenn ich ganz still war konnte ich sogar den Schnee unter meinen Schuhen knirschen hören.
Als ich noch klein war hatte ich mir jedes Jahr zu Weihnachten Schnee gewünscht. Ich freute mich auf den geschmückten Weihnachtsbaum, auf Lebkuchenherzen und auf leckere Marmeladenplätzchen. Nun stand ich zitternd auf der Straße und wartete auf etwas, von dem ich selbst nicht wusste, was es eigentlich war.
Es war Heilig Abend und ich stand etwa 100 Meter von dem Haus entfernt, in dem ein Kamin, ein heißer Tee und eine warme Decke auf mich warteten. Ich war den ganzen Tag nicht zu Hause gewesen und auch jetzt spürte ich mein Herz panisch schlagen. Ich dachte an das müde, ausdruckslose Gesicht meiner Mutter, das uns vortäuschen sollte, sie wäre immerhin einmal im Jahr glücklich. Ich dachte an meine Schwester, mit dem gleichen Briefumschlag in der Hand, den ich auch bekommen würde. Ich dachte daran wie sie den ganzen Abend dicht neben Mutter sitzen und sie mitleidig von der Seite anschauen würde. Ich dachte daran, wie ich, wie jedes Jahr, den H&M Gutschein entgegen nehmen würde und lächelnd “Danke!” sagen.
Aber vor allem dachte ich an Vater, der nicht anwesend sein würde, weil er angeblich bei der Weihnachtsfeier seiner Firma war, wie jedes Jahr. Plötzlich überwältigte mich fast der Drang, einfach nur wegzulaufen. Ich atmete tief ein. Das würde ja auch nichts bringen, außerdem wusste ich ja auch gar nicht, wohin. Langsam kroch die Kälte durch meine Schuhsohlen, bis hoch in meine Knie und ich fing an heftiger zu zittern. Ich fragte mich, wie lange ich hier schon so stand, fand aber keine Antwort. Also bewegte ich meine Beine und ging Schritt für Schritt auf die beleuchtete Tür zu. Als ich den Schlüssel in die Tür steckte, spürte ich mein Herz, wie es sich widerwillig in meiner Brust verkrampfte. Ich atmete einmal tief durch und drehte den Schlüssel im Schloss um. Dann legte ich den Schlüssel auf die Kommode, blieb im dunklen Flur stehen und atmete dreimal tief ein.
Als ich mich einigermaßen bereit fühlte, folgte ich dem Licht, das aus der Glastür zum Esszimmer schien. Das erste, das ich sah, als ich die Tür öffnete, war der große sperrige Holztisch, an dem vier schmale Holzstühle standen. Das Esszimmer war relativ klein, und das einzige, das sich noch im Raum befand, war ein großer, dicht bewachsener Tannenbaum, der wie jedes Jahr mit Lametta und Lichterketten geschmückt war. Ich schaute kurz hin, wollte meinen Blick schon weiter schweifen lassen, blickte dann aber noch einmal zurück.
Unter dem Weihnachtsbaum lagen Päckchen. Richtige, echte bunte Päckchen. Ein großes Päckchen war bereits aufgerissen und Styropor, Geschenkband und Papier bedeckten den Laminatboden rings herum.
Irritiert blieb ich stehen und schaute mich um, als gäbe es hier irgendetwas, das mir die Geschenke erklären könnte. Aber niemand war da. Überhaupt wunderte ich mich. Wo war Mama? Wo war meine Schwester?
Plötzlich hörte ich ein Lachen und rechts von mir wurde die Tür zum Wohnzimmer aufgerissen. Grinsend rollte meine kleine Schwester in nagelneuen Rollschuhen auf mich zu. Ihre blonden Haare hingen ihr zerzaust ins Gesicht und ihre Backen leuchteten rot vor Freude. „Schau mal, was ich bekommen habe!“ rief sie fröhlich und drehte eine Runde vor meinen Füßen und fuhr dann an mir vorbei in Richtung Flur. Perplex starrte ich ihr hinterher und ging dann langsam in Richtung Wohnzimmer. Ich blickte um die Ecke, blieb abrupt im Türrahmen stehen und atmete scharf ein.
Auf dem kleinen Wohnzimmertisch brannten vier Adventskerzen, sie waren die einzige Lichtquelle im ganzen Raum. Das Licht reichte nicht besonders weit, aber das Sofa war trotzdem gut zu erkennen. Unter der roten flauschigen Decke saß Mama und neben ihr saß tatsächlich Papa. Er hatte seinen Arm um sie gelegt und sie kuschelte sich ganz fest an ihn. Ich konnte das Glück in ihren Augen sehen, das ich so lange vermisst hatte. Sie wandte ihm ihr Gesicht zu und konnte gar nicht aufhören, ihn anzusehen. Auch er schaute sie an und lachte, und so verging eine Weile, bis mich überhaupt jemand bemerkte.
Aber dann blickte Papa doch irgendwann zu mir herüber. „Hallo mein Schatz! Wie lange stehst du denn schon hier?“ Auch Mama schaute mich nun an. „Schön, dass du endlich da bist, du musst doch noch dein Geschenk aufmachen.“ Ich fühlte die Wärme, die sich langsam in mir ausgebreitet hatte, und lächelte. „Aber Mama, das schönste Geschenk habe ich doch schon bekommen.“
Marlies Bestehorn
(alle Rechte beim Autor)
Dezember 22nd, 2012 / Author: Jessica Maria Kunz
Tiefe Nacht hängt über dem großen Gut mit dem alten Herrenhaus. Die Fensterläden sind geschlossen, kein Licht leuchtet mehr in den Zimmern. Leise fällt Schnee sanft auf die Erde. Vereinzelt blinzeln Sterne hinter den tief hängenden Wolken hervor. Es ist ganz still, nur der Wind streift sachte durch die Bäume im Vorgarten.
Im Haus ist alles dunkel. Eine friedliche Ruhe schwebt durch die Luft. Lautes Schnarchen dringt aus einer Tür und verliert sich im langen Flur des ersten Stocks. Nur ein wenig Sternenlicht leuchtet ab und zu durch die Fenster herein.
Doch da – auf der Treppe: Leise kleine Schritte, ein Schatten huscht die Wand entlang ins Erdgeschoss. Ein schneller Blick über die Schulter, ob ihm auch ja niemand gefolgt ist. Nicht, dass die Eltern ihn hier draußen erwischen! Quietschend öffnet sich die Tür zur Küche.
Eine lange, spitze Nase lugt durch den schmalen Spalt, gefolgt von einem roten Wuschelkopf mit grüner Mütze und großen leuchtenden Augen. Gierig schnuppert er die Düfte ein und tapst mit seinem grünen Hemdchen leise in die Küche. Überall stehen noch die ungespülten Schüsseln und Förmchen mit Resten von Teig vom Abend herum. Teller mit Keksen und Plätzchen stapeln sich auf einem Tisch. Ein Finger in die Kuchenform dort, ein bisschen von dem leckeren Teig naschen und ein Schokoplätzchen von dem weißen Teller dort stibitzen. Der Duft von Zimt, Zitrone, Maronen und gebrannten Mandeln hängt schwer in der Luft.
Noch ein kleiner Schluck von dem nicht ausgetrunkenen Kakao und dann schnell wieder nach draußen und auf leisen Sohlen weiter den Flur entlang geschlichen.
Dort vorne ist die große Flügeltür, hinter der sich das Wohnzimmer verbirgt. Ein schmaler Spalt reicht, um sich hindurch zu zwängen. Hinter dem weichen Samtsofa entlang gehuscht, zu dem Kamin, in dem die Glut des Feuers langsam verglimmt. Mollig warm ist es hier. Das verbrannte Holz knackst leise vor sich hin.
Ein kurzes Päuschen auf dem weichen Teppich kann nicht schaden. Leckere Zuckerstangen baumeln über dem Kamin. Schnell nach oben geklettert. Gerade eben waren es acht, jetzt sind es plötzlich nur noch sieben. Es wird schon keinem auffallen. Hinter dem Sofa ragt bis zur Decke ein riesiger Tannenbaum empor. Geschmückt mit bunten Kugeln, Lametta und schimmernden Lichtern, kleinen Holzmännchen und einem strahlenden Stern ganz oben auf der Spitze.
Ein prachtvoller Anblick ist das. Die vielen Farben glänzen im Schein der Lichter, die über Nacht glühen dürfen. Ein magischer Zauber geht von diesem Baum aus, der ihn in seinen Bann zieht.
Unter dem Baum sind Päckchen in buntem Papier aufgestapelt. Kunstvoll verpackt mit Schleifen und Glitter. Was dort wohl alles drinnen sein mag? Viele Spielsachen für die Kinder im Haus bestimmt.
Doch ach du Schreck! So spät ist es schon auf der großen Uhr über dem Kamin. Es wird langsam Zeit zu gehen. Noch schnell ein paar Lebkuchen von dem kleinen Tisch neben dem Sofa unter die Mütze stecken und dann zurück auf den Flur, die Treppe nach oben, auf den Dachboden.
Dort hinter der alten Holztruhe wohnt er. Seine Eltern haben seinen kleinen nächtlichen Ausflug zum Glück nicht bemerkt. Er schiebt sich noch einen Lebkuchen in den Mund und kuschelt sich dann in sein weiches Bettchen. Immer noch liegt ihm der Geschmack der Plätzchen auf der Zunge, die Wärme der Glut im Kamin streift seine Haut und noch einmal steigt das Bild des wunderschönen Tannenbaums vor seinen Augen auf.
Immer kurz vor dem Tag, den die Menschen ‚Heilig Abend‘ nennen, schleicht er sich hinaus, um sich die Pracht dieses Festes anzusehen, dass es bei ihnen nicht gibt. Mit seinen wunderschönen Erinnerungen schläft er langsam ein – und mit der Vorfreude auf das nächste Weihnachten.
Sarah Waldherr
(alle Rechte beim Autor)
Dezember 20th, 2012 / Author: Jessica Maria Kunz
In Kälte und Nacht,
Schimpferei und Gedränge -
alle Habe auf einem Esel
und das Kind kommt.
Wohin soll ich es legen?
Was soll ich ihm geben?
Ich habe nichts.
Selig ihr Armen.
Unter dem Kreuz
dich in meinen Armen,
mein Kind, mein Gott!
Bleibt denn nichts?
Selig ihr Weinenden.
O selig bist du,
die du geglaubt hast!
Denn es wird vollendet werden,
was dir gesagt ist vom Herrn.
Dean Gadaldi
(alle Rechte beim Autor)
Dezember 18th, 2012 / Author: Jessica Maria Kunz
Also schlossen wir alle unsere Augen. Dreizehn Personen zwischen 16 und 43 saßen im Kreis, still auf dem Teppichboden; einige hatten sich Sitzkissen mitgebracht.
Der Raum roch wie immer, egal ob Sommer oder Winter und egal ob man weinte oder lachte. Dieser Raum hatte schon immer, solange ich ihn eben kannte, nach Filzkissen und Holz gerochen. Ein bisschen so, wie man das von den Flohmärkten in Waldorfschulen kennt. So sah sie auch aus. Sie hatte gleichmäßig graues, dickes Haar, schulterlang, und trug eine runde, feine Brille. Kennt ihr das? Dinge an einem Menschen, die man niemals vergessen wird, selbst wenn man sie nur einmal gesehen hat. Da paukt man die Mitternachtsformel bis zum Umfallen und trotzdem kommt man nicht darauf, sie bei der Anwendungsaufgabe anzuwenden.
Aber ich werde nie vergessen, dass sie diese seltsam geformten Filzschuhe trug. Grün mit ein paar gelben Punkten und geformt wie die Schuhe einer Waldfee.
In der Mitte des Raumes lagen viele Dinge. Ich hatte nicht genügend Zeit, sie mir alle genau anzusehen, bevor wir die Augen schlossen, aber eine Zimtstange hatte ich entdeckt, einige braunrote Beutel. Was da wohl drin war? Auch einige Kerzen waren dabei gewesen. Und irgendwelche getrockneten Pflanzen.
Wir sollten eine Hand ausstrecken, damit sie uns einen dieser Gegenstände geben konnte. Ich hörte ein Rascheln und dann ihre Filzschuhe auf dem Teppichboden. Den ersten Gegenstand gab sie Frederike. Nervös kicherte Freddy und jeder wusste, selbst mit geschlossenen Augen, dass sie den Gegenstand aus Unruhe auf ihren Schoß hatte fallen lassen. So ging es reihum. Rascheln, Knirschen, Abtasten, ein erstauntes “Ah” oder ein fragendes “Mh”. Ich hatte einen dieser braunroten Beutel bekommen ( – oder war es doch weinrot? Wie gesagt, wir hatten nicht viel Zeit, uns mit den Dingen zu beschäftigen – ). Der Beutel war aus einem etwas härteren Stoff und man konnte schon ohne ihn zu öffnen die kleinen, harten – waren es Sterne? – erahnen. Ich roch an dem Beutelchen. Ich weiß nicht wieso, manche Dinge tut man einfach. Auf jeden Fall war es mir sofort klar: Weihnachten. Stimmt ja, wir hatten ja schon Ende November.
Plötzlich fühlte ich einen Stich in meinem Bauch. Dieses Weihnachten würden ich und meine Mutter alleine feiern. Nein, so stimmt das nicht. Mit den Großeltern, der Tante, dem Onkel und ihrer kleinen Tochter. Es ist das erste Weihnachten mit Josephine, sie ist ein halbes Jahr alt.
Trotzdem etwas würde fehlen.
So, wir sollten unsere Augen öffnen. Und erzählen, was wir so erlebt hatten. Frederike fing an. „Ich habe sie erst mal fallen lassen, also die Kerze. Also, ich wusste ja nicht dass es eine Kerze war. Es hätte ja auch etwas sein können, also etwas, dass ich gar nicht mag, vor dem ich vielleicht Panik haben könnte. Also vor Kerzen habe ich keine Panik, solange sie aus sind, das Feuer macht mir Angst. Als ich an das Feuer gedacht habe, kam Panik, aber ganz kurz nur! Nur ganz kurz…” Sie kaute an den Nägeln und vermied jeden Blickkontakt. „Aber dann hab ich gedacht, also bald ist ja Weihnachten, wisst ihr, davor habe ich Panik, betrunkene Menschen, laute Menschen, Kinder, Kälte, Eis, …” Sie sprach immer schneller.
Sie solle das in der Einzeltherapie besprechen. Diese Antwort kam eigentlich immer.
Alle Gegenstände hatten etwas mit Weihnachten zu tun, und Weihnachten macht Angst. Die einen haben Angst vor Nähe, die anderen haben Angst vor dem Alleinsein. Manche haben Angst, den Erwartungen, was Geschenke und Familie angeht, nicht gerecht zu werden. Ja, Weihnachten ist echt gefährlich. Grausam. Wer hat eigentlich Weihnachten erfunden? Dieses Fest der Liebe.
Sie runzelte die Stirn und fragte uns, ob wir schon immer so über Weihnachten gedacht haben. Natürlich nicht, als Kind sieht man das anders, aber das tut doch jetzt nichts zur Sache, denn was zählt ist, was ich jetzt denke. Jetzt bin ich groß. Jetzt bin ich erwachsen. Jetzt habe ich Angst.
Dann fingen wir an, über unsere Erlebnisse als Kinder zu sprechen. Schlittenfahren mit den Eltern, auf den Weihnachtsmarkt gehen, gebrannte Mandeln essen. Frederikes Wangen wurden rosa. Unsere Augen leuchteten.
Ich erzählte davon, dass wir früher immer mit meinem Vater Skifahren gegangen sind. Eigentlich sind nur ich und meine Mutter Ski gefahren, mein Vater und mein kleiner Bruder hatten daran nicht so viel Spaß. Ihnen bereitete es mehr Freude, einfach so im Schnee herum zu tollen oder Schneemänner zu bauen.
“Ich hatte als Kind viel zu viel Angst, um Schneemänner zu bauen”, lachte Frederike. “Ich habe immer gedacht, sie würde mich dann angreifen.” Alle lachten. “Ich würde schon gerne mal einen bauen”, überlegte sie, ihre Wangen waren immer noch rosa.
“Irgendwann.”
Das „Irgendwann“ kam. Am 18. Dezember 2006 bekam ich einen Brief. Er kam aus Tübingen. Frederike studierte mittlerweile Botanik, im 2. Semester.
„Liebe Desiree,
Entschuldige, dass ich jetzt erst zurück schreibe. Ich hatte viel zu lernen, denn die Prüfungen waren letzte Woche. Aber jetzt habe ich erst mal Ferien. Ich würde mich freuen, wenn du mal Lust hast, nach Tübingen zu kommen, dieses Wochenende ist Weihnachtsmarkt. Gratulation noch mal zu dem neuen Studienplatz! Ich wette, es ist das Richtige. Das macht auf jeden Fall viel mehr Sinn, als weiter etwas zu studieren, das dir gar keinen Spaß macht. Wenn ich es mir mal irgendwann leisten kann, ein Haus zu bauen, bist du meine Architektin.
Desiree, stell dir vor, ich habe einen Schneemann gebaut, gestern! Das Foto ist im Umschlag. Der Schneemann ist nur für dich.
Eine herzliche Umarmung,
deine Freundin Frederike
Fröhliche Weihnachtszeit und bis bald!“
Laura Reyes
(alle Rechte beim Autor)
Dezember 16th, 2012 / Author: Jessica Maria Kunz
Glockenhelle Weihnachtslieder
In der kalten Jahreszeit
Tannenzweige, Weihnachtskugeln,
Lichterketten weit und breit.
Weißer kalter Puderschnee
Schlittschuh laufen auf dem See
Roter dicker Mann mit Bart
Fragt euch ob ihr auch brav wart
Und in dem ganzen Weihnachtsjubel
Sprech ich zu dir mein Gedicht
Sprech ich leise in den Trubel
Weihnachten, ich mag dich nicht
Marlies Bestehorn
(alle Rechte beim Autor)
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