Tanzworkshop Oeffingen 2013

September 23rd, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

Bereits zum 31. Mal fand dieses Jahr der Tanzworkshop Oeffingen statt. Vom 31. August bis 6. September 2013 wurde in den Sporträumen Fellbach-Oeffingen gesteppt, getanzt, entspannt und musiziert, und dabei vor allem eins: Spaß gehabt.

Jedes Jahr werden beim Tanzworkshop Oeffingen viele verschiedene Kurse rund um das Thema Tanz, Rhythmus und Musik angeboten. Wie bereits seit langem sind vor allem die Stepptanz-Kurse als Favoriten dabei. Aber gerade für Stepper ist es vielleicht einmal ganz gut zu erwähnen, dass es nicht unbedingt darauf ankommt, so viele Stepptanz-Kurse wie möglich zu machen, um gut zu sein oder besser zu werden. Klar, Übung gehört natürlich dazu. Aber eine große Erweiterung für tänzerisches wie auch allgemeines Können ist vor allem, so viel abwechslungsreiche Erfahrung wie nur möglich zu sammeln. „Stepptanz alleine [ist] schon mal toll, aber wenn ich Einflüsse habe aus anderen Tanzbewegungen, mich mal woanders bewegt habe, […] steigert [es] die Qualität des Stepptanzes“, sagt auch Gabriele Kurka, die den Tanzworkshop vor 31 Jahren ins Leben gerufen hat und nach wie vor Initiatorin dieses Events ist. Denn es ist doch so: Steppen mag vielleicht hauptsächlich aus Rhythmus bestehen, aber Rhythmus besteht nicht hauptsächlich aus Steppen. Und aus diesem Grund möchte ich heute einmal auch den anderen angebotenen Kursen Platz zur Vorstellung geben.

Starten wir aber zunächst mit den Stepp-Angeboten. Von den zwanzig Kursen gibt es allein vier, die dem Stepptanz gewidmet sind. Unter Tap Dance II, III und IV sind die “normalen“ Stepptanzkurse zu finden, mit den jeweiligen Schwierigkeitsgraden Anfänger bis Fortgeschritten. Dann gibt es Tap n‘ Rhythm. Dieser Kurs ist tatsächlich etwas un-, aber dafür auch außergewöhnlich; denn hier wird der Rhythmus sowohl mit den Füßen als auch mit den Händen erzeugt, und jedes Jahr dienen hierfür andere Alltagsgegenstände als Instrumente. Was in den letzten Jahren mit Stühlen, Besen, Topfdeckeln oder Tonnen erzeugt wurde, wird dieses Jahr durch etwas ganz Ausgefallenes erweitert: dicke, aufblasbare Reifen, auf denen man mit Drumsticks schlägt. Am Anfang ist die Kombination von Händen und Füßen vielleicht etwas verwirrend, vor allem für Nicht-Schlagzeuger, aber Spaß macht es trotzdem – und nach einer Weile klappen die Rhythmen auch fast wie von allein.

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Dann gibt es da jetzt die „anderen“ Kurse, von denen man aber für’s Steppen genauso viel mitnehmen kann. Da wären zum einen MTV New Style und Afro Dance. Vor allem letzterer empfiehlt sich sehr für Personen, die sich noch etwas steif fühlen, denn beim Afro sind afrikanische Tänze das Thema, die aufgrund der hauptsächlich großen und offenen Bewegungen pure Lebensfreude ausstrahlen; und dafür braucht man auch keinerlei Tanzkenntnisse. Im Gegensatz zu MTV New Style: da sollte man bereits ein gewisses Maß an Vorkenntnis besitzen, auch wenn die Schritte und Bewegungen ausführlich gezeigt werden, denn von der Armschlange bis zum Moonwalk kann alles vorkommen.

Wer es gerne etwas sportlicher hätte, für den ist Dance Now! und Afterwork Fitness etwas. Von Anfang an wird mit angezogenem Tempo durchgepowert, sodass man dabei schon sein Herz-Kreislauf-Training absolviert. Dance Now! ist dabei eine Mischung aus Aerobic und Zumba, hier beim Workshop sogar mit Live-Band-Begleitung, die von den vier Mitgliedern der „Palitos“ gemacht wird, und die auch in einigen weiteren Kursen als Live-Begleitung ihr Können unter Beweis stellen.

Wer es dagegen mal mit etwas Ausgefallenerem probieren möchte, der hat die Wahl zwischen Burlesque, Indie Jazz und Old School Jazz. Spätestens seit dem Film mit Christina Aguilera und Cher hat der Burlesque wieder eine Aufschwungsphase erlebt: mit viel Sinnlichkeit, Genuss und Ausdrucksstärke lernt man hier u.a. auch, alltägliche Dinge im Leben bewusster zu genießen. Indie Jazz ist ein Mix aus modernem Jazztanz und indischen Elementen, die in der Choreographie auch gern mal mit einem Augenzwinkern getanzt werden. Old School Jazz ist dagegen wie der Name schon sagt: Old School. Es werden Elemente einstudiert, wie sie zur Zeit der großen Musicals in den 1950ern und 60ern gern getanzt wurden.

Wer es daraufhin etwas entspannender, aber trotzdem sportlich möchte, dem seien Pilates, Qi Gong [sprich: tschi gong] und Vinyasa Yoga ans Herz gelegt, bei denen mal mehr, mal weniger die mentale Konzentration gefordert ist und sich gut als „geistiger Kurzurlaub“ eignen.

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Für Leute, die gern choreographieren oder auch selbst Tanzgruppen leiten, sind die Kurse Improvisation and Performance, Choreografie: Theorie und Praxis und Alignment gute Orte, um zu lernen, wie man Stücke aufbaut und improvisiert; wobei Alignment schon mehr in Richtung einer Vorbereitung für postmodernen Tanz geht.

Aber nicht nur getanzter Rhythmus wird angeboten: in zwei Cajon-Kursen kann man zur Abwechslung mal seine Hände tanzen lassen. Dazu gäbe es eigentlich noch einen Percussion-Kurs, der jedoch wegen zu wenigen Teilnehmern entfallen musste.
Das ist leider einer der Hauptsorgen des Oeffinger Tanzworkshops: die schwindenden Teilnehmerzahlen. Dabei ist gerade dieser Tanzworkshop etwas ganz Besonderes. Hier kommt man einmal her – und danach immer wieder. Die Atmosphäre und der Umgang allgemein, sowohl zwischen Teilnehmern als auch Dozenten, ist absolut familiär – das merkt man schon, wenn man das erste Mal den Eingangsbereich der Sporthalle betritt und von der liebevollen Dekoration empfangen wird. Und dabei ist das Level der Angebote von höchstem Niveau. Sogar ausgebildete Physiotherapeuten gibt es, die für wenig Geld professionelle Massagen anbieten und dabei auch mal kleine Sportverletzungen verarzten können. Zudem gibt es eine Cafeteria, die ebenfalls kostengünstig alles von Getränken, Snacks und Brötchen bis hin zu warmen Mahlzeiten zu bieten hat. Wie das machbar ist? „Das können wir nur für den Preis anbieten, weil ich viele ehrenamtliche Mitarbeiter habe“, erklärt Gabriele Kurka, die einen Großteil der Arbeit selbst erledigt, ebenfalls ehrenamtlich. „Vieles bleibt auch in der Familie“, sagt sie. Auch der Anschluss an den Oeffinger Sportverein ist eine große finanzielle Stütze, da ihr somit die Hallen frei zur Verfügung stehen.

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Und dieses Angebot wissen auch die Teilnehmer sehr zu schätzen, die teilweise aus allen Ecken in und um Deutschland anreisen und nun schon seit vielen Jahren treu dabei sind. „Dieser Tanzworkshop ist einfach außergewöhnlich phänomenal, und das seit einunddreißig Jahren!“, schwärmt Astrid beim gemütlichen Beisammensein nach den Kursen. Selbst nach der abschließenden Aufführung, bei der alle Kurse, die mitmachen wollen, zeigen, was sie die Woche über gelernt haben, kommen die Teilnehmer kaum voneinander los. Sei es, dass man noch mitten in der Nacht ein verschlafenes Gruppenkuscheln auf den großen Matten in der Sporthalle veranstaltet und dabei Musik hört, oder man bis zwei Uhr morgens auf dem Parkplatz um die Ecke steht und sich schmutzige Musikerwitze erzählt: In dieser einen Woche wird einem einiges geboten, erleben tut man aber noch vieles mehr. Und um nochmal zu den Kursangeboten zurückzukommen: „Alles ist eine Ergänzung zum Stepptanz!“ Daher möchte ich abschließend mit den Worten von Astrid an alle Leser appellieren: „Ich kann’s nur allen weiterempfehlen: Kommt nach Oeffingen und schaut’s euch an!“

Dann also hoffentlich bis nächstes Jahr!

Weitere Infos findet man unter: www.tanzworkshop-stuttgart-oeffingen.de

 

Carolyn Owen

(alle Rechte beim Autor)


Versuchter Imagewechsel

Juni 18th, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

(frei nach dem Gedicht “Arbeitergruß” von Ferdinand von Saar)

Liebster Freund,

vor geraumer Zeit spazierte ich wieder in unserem Park umher, als einer unserer Gärtner meinen Weg kreuzte. Ich sah, wie er die Blumen goss und sprach zu ihm: „Verehrtester, wenn ich nicht des Geistes tiefe Mühen zu tragen hätte, so würde ich eure Arbeit liebend gern mit euch teilen. Naturverbunden seid Ihr, stets an frischer Luft und in der Sonn‘ wenn Sommer ist – das kann wahrlich nur ein Traum und ihr der glücklichste Mensch auf Erden sein!“
Doch mürrisch blickt er mich nur an, der Mensch, mit finstrer Miene, als ob ich ihm was Böses hätt gewollt. Auf meine Frag‘, was ihm den Sinn ergrämte, brummt er nur unverständlich in seinen Bart. Ich befürchtete, er denke, ich scherze mit ihm, und schlug ihm deshalb dieses vor: „Lass einen Tag uns tauschen. Ihr, Gärtner, werdet in meinem Hause sein, dürft leben, essen wie es ziemt und meine Arbeit tun: studieren aus den Schriften der Philosophen und eigene Werke verfassen, und ich werde einen Tag in Eurem Gartenhäuschen hausen und Blumen und Pflanzen nach bestem Wissen versorgen und hegen und pflegen.“ Noch einmal brummt der Mensch in seinen Bart, doch klingt es etwas heiterer als noch zuvor. Und schließlich ließ er sich drauf ein. Am Tag darauf such ich ihm meine schönste Garderobe aus und lad ihn ein, beim Frühstück noch mein Gast zu sein. Das Kleid betrachtet er mit Argwohn, brummt wieder, doch ich sag ihm: „Ich überlass es Euch, wie Ihr als ich leben wollt. Tragt mein oder Euer Kleid, wie es euch beliebt.”
Das nun schien ihn auftauen zu lassen. Er nickt flüchtig mit dem Kopf. Ich weise auf den Tisch hin und zeig ihm alle Schriften. Dann machte ich mich auf in den Garten und ließ es mir gutgehen. Ich schaute den Blümelein beim Wachsen zu, pflückte einen kleinen Strauß für meinen Tisch und schnitt da und dort ein Hälmchen, das zu lang geworden. Nur leider war die Sonne den ganzen Tag nicht so recht anwesend, und plötzlich merkte ich auf meinem Frack einen Tropfen. Da wurden immer mehr daraus und ich flüchtete mich ins Gärtnerhäuschen. Dort aber war alles so klein und so eng, keiner kochte mir einen Tee oder eine Suppe oder ließ mir ein Bad ein. So fror ich den halben Tag, bis die Sonne unterging und ich den Weg zurück in mein Haus antrat. Mein Blumenstrauß lag noch im nassen Gras. Ihn hatte ich beim Anblick meines nassen Frackes glatt vergessen. Nun war er hin.
Dennoch ging ich weiter und trat durch die Tür. Als ich jedoch in die Stube blickte, sah ich den Gärtner schlafend in meinem Bett! Die Schriften warn kaum angerührt und auf dem Pergament war weniges angefangen und gestrichen.
Da merkte ich, dass wohl vieles auf den ersten Blick schön ist zu tun, aber nicht alles ist schön oder einfach zu tun, wenn es zur Aufgabe wird!

Mein lieber Freund, ich wollte diese Erfahrung mit dir teilen und habe daher diesen Brief verfasst. Ich hoffe, du bist wohlauf und in ganzer Gesundheit und Glück.

Auf bald und mit vielen Grüßen verbleibend
Ferdinand

 

Jessica Maria Kunz

(alle Rechte beim Autor)

“Sind Sie nicht die aus dem Audi-Spot?”

Juni 18th, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

(frei nach dem Gedicht “Arbeitergruß” von Ferdinand von Saar)

Autsch. Der Rücken. Ich sollte das dringend mal untersuchen lassen. Jedes Mal, wenn ich mich bücke, fährt es wieder rein.
Dass die Leute hier sich aber auch nicht selbst die Schuhe anziehen und zuschnüren können. Irgendwann werde ich noch zugrunde gehen.
An Tagen wie diesen träume ich mich manchmal, wenn gerade nichts los ist, auf eine kleine sonnige Insel. Ohne Menschen, ohne Schuhe. Ohne Rückenschmerzen. Naja, vielleicht ein paar schöne männliche Bewohner. Oder auch nur einer. Mit meinem krummen Rücken und meiner dicken Brille schaut mich sowieso kaum jemand an. Auch mein Freund nicht, der eh nie da ist. Da hätte ich lieber so einen Schönen von der Insel. Und dann bauen wir uns ein kleines Häuschen – ja, ohne Rückenschmerzen geht das bestimmt! –, haben einen großen Garten mit Gemüse und Obst, viele Bäume, viele Brombeersträucher, und irgendwann auch eine Familie mit mindestens zwei Kindern. Am liebsten vier oder fünf. Wenn ich nicht mehr im Schuhgeschäft arbeiten muss, hab ich ja Zeit für Kinder und Haushalt. Das wäre schön. Und auch mal Zeit für mich. Die Sonne genießen. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal im Urlaub war. Ich würde so gern mal wieder in der Sonne brutzeln. Aber der einzige Schweiß, der in meinem Leben gerade existiert, ist der vom Schuhkartons schleppen, Regale wischen und von den Schmerzen beim Bücken.
Und damit werde ich dann auch wieder aus meinen Tagträumen gerissen. Entweder weil mich mein negativer Alltag bis auf meine Insel verfolgt oder auch durch ein unsicheres „Entschuldigung?“
Ja, ich komme ja schon. Und suche Schuhe im Lager. Wanderschuhe, Sportschuhe. Ballerinas. High Heels. Sowas würde ich ja auch gern mal tragen. Bei meinem schweren Gang sähe das aber sicher dämlich aus. Und ziemlich peinlich.
Manchmal ertappe ich mich auch, wenn ich wie hypnotisiert auf die große Leinwand am Hochhaus an der Ecke schräg gegenüber starre. Werbung schreit einem entgegen. Kaufen Sie, kaufen Sie! Joghurt, Schuhe (als ob ich davon hier nicht genug hätte), Klamotten, Sonnencremes.
Sonnencreme.
Urlaub.
Zum Heulen.
Gerade ist nicht viel los und ich ertappe mich wieder, wie ich zu Leinwand starre.
„17.54 Uhr!“ schreit sie mir entgegen. Bald Feierabend! Wenn man träumt, scheint die Zeit schneller zu vergehen. Nun läuft eine Autowerbung. Das mit den vier Ringen. Eine attraktive Lady mit unendlichen Beinen, kaum sichtbaren Shorts und gefühlten 20cm hohen High Heels steigt grazil von der Beifahrerseite aus und zeigt sich in ihrer ganzen, schlanken Schönheit. Blonde, wallende Mähne, Sonnenbrille, die sie kurz abnimmt, um ihrem Fahrer, ebenfalls sehr attraktiv und augenscheinlich Italiener, zuzuzwinkern. AUDI, steht jetzt da. Fulfill your dreams. Wohl eher „Das Auto der Reichen und Schönen.“ Und der Glücklichen. Diese Frau hat alles. Geld, Schönheit und mit Sicherheit auch an jedem Finger hundert Verehrer.
KLING – Der Chef schließt die Tür. Feierabend.
Ich packe meine Tasche und meine Jacke – viel hab ich nie dabei – und mache mich auf den Weg. Es verabschiedet sich niemand von mir. Warum auch. Ich bin nur eine kleine Angestellte, unwichtig, ersetzbar. Und eine Familie hab ich auch nicht. Ich bin niemand. Ich habe nichts.
Ich glaube, ich gehe spontan noch in meine Stammkneipe. Ab und zu gehe ich dorthin, um eine Cola zu trinken. Oder auch mal ein Bier. Da ist nie viel los unter der Woche, direkt nach Feierabend. Da hab ich meine Ruhe. Ich setze mich immer an den Tresen, weit außen an der Ecke, und beobachte. Manchmal ist das tierisch langweilig, aber teilweise auch sehr spannend. Menschen sind manchmal einfach berechenbar. Aber wenn sie einen überraschen mit einer ungeplanten Handlung, dann wird’s interessant.
Heute ist es wie immer. Fünf dickbauchige Männer, vereinzelt im Raum verteilt, mit Bier vor der Nase. Der Tresen ist leer. Gut so.
Ich schlürfe mein Bier, als die Tür aufgeht und ich mal wieder überrascht werde.
Und ich, Britta Manuschke, 32, graue Maus aus dem Buche, kann ausnahmsweise mal nicht die Klappe halten.

„Sind Sie nicht die aus dem Audi-Spot?“

Nicht schon wieder. Ich suche mir extraabgelegene Kneipen aus, damit ich mal meine Ruhe vor dem ganzen Trubel hab, und selbst hier sind die Leute mit allem beschäftigt, außer mit sich selbst. Eigentlich sollte ich einfach mal nicht reagieren.
Abstreiten, dass ich es bin.
Es ist so anstrengend, 24 Stunden gut gelaunt sein zu müssen, keine Schwächen haben zu dürfen, für jedermanns Stift und Kamera allzeit bereit sein zu sollen. Und wenn man es mal nicht ist, stürzt sich gleich die Presse darauf. Gerade heute war wieder so anstrengend. Heute Morgen noch das Shooting in Paris, dann erstmal nach Berlin zur Agentur geflogen, um die nächsten Termine zu besprechen und vorhin hier nochmal ein Termin… und das Ganze, wo ich doch eh noch im Jetlag von meinem Casting in New York vorgestern festhänge.
Bestimmt ist das – hm, es war eine Frauenstimme. Was machen Frauen hier in so einer Ecke? Sicher eine Trinkerin. Die hierher kommt, weil sie hier billig ihren Stoff bekommt, mit dem Barkeeper ein Pläuschchen halten kann oder auch ab und mal einen von den anderen Suffköppen mit nach Hause nimmt. Klar, so eine schaut viel fern, daher kennt sie den Spot. Aber dass die so eine Wahrnehmung hat und mich erkennt? Lange kann sie noch nicht hier sein.
Aber warum wunder ich mich. Gerade solche Menschen, die sozial etwas tiefer stehen, bewundern die Stars und Sternchen ja noch mehr. Ob Schauspieler, Bildender Künstler, oder Model wie ich – das ist dabei ja fast egal. Und ob die dann ne Angelina Jolie, Gisele Bündchen oder Selina Hammer vor sich haben ist ja dann auch fast egal. Hauptsache, sie haben was zum Reden.
Ich will das nicht. Ganz ehrlich, ich liebe meine Job und ich bereue kein Shooting (naja, sagen wir kaum eines), aber das ganze Drumherum, das ja auch dazu gehört irgendwo, wenn man „berühmt“ ist – ständig auf Achse, nirgends daheim, überall wird man erkannt und hat NIE seine Ruhe. Und keine Zeit für Familie. Also, eine eigene zu gründen. Manchmal beneide ich die Menschen mit normalen Berufen. In solchen Momenten wie diesen, wo ich einfach nur abschalten will. Und ob ich im Hotelzimmer sitze oder in so einer Kneipe, irgendwie fühle ich mich manchmal einfach einsam.
Die Frau dort hinten hat sicher Familie. Solche Leute haben ja auch oft schon ganz früh Kinder.
Ich will hier weg. Wieder ein Ort, an dem ich mich nicht wohl fühle. Ich schätze, ich werde niemals irgendwo wirklich ankommen.
Manchmal verfluche ich das. Nein, halt. Manchmal bringt mich das zum Weinen.

„Entschuldigung?“
Selina beschloss, nun doch den Kopf zu drehen. Britta stand nun neben ihr und wirkte hilflos klein in ihren flachen Sportschuhen.
„Ja?“ Ein freundliches Lächeln. Das kam vom Kopf, nicht vom Herzen.
„Sie sind doch das berühmte Model?“ Mehr eine Frage als eine Aussage.
„Also wenn Sie ein Foto wollen, sollten wir vielleicht besser rausgehen, es ist so dunkel hier drin.“
„Nein. Ich möchte Ihnen nur etwas sagen. Ich bewundere Sie. Und ich beneide Sie. Um Ihre Schönheit, Ihre Beliebtheit und dafür, dass Sie von Ihrem Traumberuf leben können. Was einem Spaß macht, ist ja auch nicht so anstrengend.“

Jetzt lächelt sie mich an, als ob ich eine Königin wäre. Und geht in Richtung Tür. Winkt. Ich winke zurück. Wahren wir eben wieder den Schein. Immer das gleiche.

Ich lächle sie an, aber eigentlich ist mir zum Heulen. Selina Hammer, das war ihr Name. Ich erinnere mich. Wer weiß, was sie dort unten macht? Geheimes Meeting? Besprechung des nächsten Auftrags? Und wo geht’s dann hin? London, Shanghai, Mailand? Und wo geht’s mit mir hin? Nach Hause. Und morgen wieder in das Schuhgeschäft.
Immer das gleiche.

 

Jessica Maria Kunz

(alle Rechte beim Autor)

Der Schauspieler

Juni 18th, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

(nach dem Gedicht “Arbeitergruß” von Ferdinand von Saar)

Ausprobiern, das war sein Stil,
doch fand er nichts, was ihm gefiel.
Als er dann doch zum Spielen kam,
er von allem andern Abschied nahm.

Er übte sich & probte,
hei, was Mann von Fach ihn lobte,
hach ja, er hat sein Traum gefund’,
bis man ihn ihm schnell unterbund.

„Du Taugenichts, hast nichts gelernt
was Geld einbringt, du kleiner Bernd!“
„Du kleine dumme faule Sau,
weißt nix von Arbeit, schau her, ICH bau!“

Und so kams dann, dass er aufgab,
was er von Herzen so gern tat
& anstatt dessen frei zu sein,
ein Leben lebte, ganz allein.

Die Lösung ist’s nicht zuzumachen,
um sich vom Bösen zu entfachen,
sondern Liebe in sich reinzulassen,
um Böse Dinge nicht zu hassen,
denn so tut’s gut, so sind wir frei,
von all der ganzen Weltlerei.

 

Dominik Führinger

(alle Rechte beim Autor)

“Robby” und “Bobby”

Juni 18th, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

(nach dem Gedicht “Arbeitergruß” von Ferdinand von Saar)

Ich kannte einen Jungen, der hieß „Rob“. Seine Freunde nannten ihn „Robby“, „Robby ohne Hobby“, da er alles Mögliche anfing und es dann wieder aufhörte, weil er nirgends seine wahre Leidenschaft entdeckte.

Er hatte vieles ausprobiert: Fußball, Badminton, Schlagzeug spielen, Kochen, Tennis, Joggen, Schreiben, Lesen, Singen und Schach, aber nichts hatte ihm bislang das gegeben, wonach er suchte. In der Schule war er durchschnittlich, er war kein großer Lerner – andere würden ihn als „faul“ bezeichnen, vor allem seine Mutter, aber Schule war einfach nichts, was ihm Spaß machte.

Eines Nachmittags, nachdem er die Schule schon abgeschlossen hatte, schlenderte er den Marktplatz entlang und entdeckte dort ein paar Frauen und Männer, die lustig gekleidet waren. Sie schienen sauer zu sein und schrien, doch irgendwie machten sie den anderen Passanten keine Angst. Die anderen standen sogar um sie herum und schauten ihnen beim streiten zu. Als Robby näher trat, entdeckte er ein Schild: „Schauspiel-Schule Emmerich“. Ach jetzt verstand er – die spielten nur, das war nicht echt! Wow! Was für eine großartige Täuschung – „Das muss ich ausprobieren“, dachte er, und nur einen Monat später war er auf besagter Schule. Es gefiel ihm dort, es reizte ihn. Und so rackerte und schuftete er so sehr er konnte, und investierte sein ganzes Herzblut in sein neues Hobby: Schauspielern.

Doch während er Monat für Monat an sich arbeitete und versuchte sich zu entwickeln, fingen die Leute um ihn herum an, zu reden. „Du solltest wenigstens was im Haushalt tun“, meinte seine Mutter, „wenn du schon nichts richtiges schaffst!“ Aus anderen Ecken hieß es: „War ja klar, dass aus ihm nichts wird – so faul wie er ist!“ – „er hätte was g’scheits lerna solla!“ – „Kommt nach Hause und legt sich ins Bett – der weiß doch nicht mal was Arbeiten bedeutet!“

Das verletzte Rob – er wollte doch einfach nur tun, was ihm Spaß macht – „andere zu unterhalten und von ihrem Arbeitsstress abzulenken ist doch auch ein guter Dienst“, dachte er. Doch die harten Worte der anderen trafen ihn sehr und er zog sich zurück. Er brach die Schule ab, erlernte einen handwerklichen Beruf und tat das, was seine Eltern ursprünglich für ihn angedacht hatten. Er war sein ganzes Leben lang unglücklich.

Ein harter Schicksalsschlag für Robby… doch bevor wir zu sehr darüber nachdenken, lasst mich noch eine andere Geschichte erzählen: Die Geschichte von „Bobby“, „Bobby ohne Hobby“. Auch ihn nannten seine Freunde „Bobby ohne Hobby“, da er immer wieder Dinge anfing und sie wieder aufhörte, weil auch er nirgends seine wahre Leidenschaft entdeckte. Vieles hatte er ausprobiert: Fußball, Badminton, Schlagzeug spielen, Kochen, Tennis… um die Geschichte hier ein wenig abzukürzen: es erging ihm genau so wie Robby, bis auf eins: Bobby war sein Leben lang glücklich und erfüllt, Robby nicht. Denn der entscheidende Unterschied zwischen Robby und Bobby war, dass Bobby frei war, Robby nicht.

Als die Leute Bobby ermahnten „er solle mehr tun“, als sie ihn beleidigten und schlecht machten „er sei so faul und weiß nicht, was Arbeiten heißt“, sagte er in seinem Herzen: „Ich vergebe euch, denn ihr wisst nicht, was ihr von euch gebt“. Und genau so meinte er es auch. Er hatte ihnen völlig vergeben denn Bobby war so frei in seinem Herzen, dass die Worte der anderen ihm nichts anhaben konnten – mehr noch, er war so voller Liebe, dass er sah, warum die anderen diese Dinge sagten. Sie sagten sie, weil sie nicht frei waren. Sie sagten sie, weil ihr Herz so voller Schmutz und Ruß befallen war, dass sie nur noch mit sich selber kämpften. Bobby sah dies und vergab ihnen, denn er wusste, er war kein Opfer…

 

Dominik Führinger

(alle Rechte beim Autor)

Der E-Mail Verkehr

Mai 18th, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

(nach dem Gedicht “Arbeitergruß” von Ferdinand von Saar)

AN: Luise

VON: Antonia

Betreff: Bin gerade so wütend!!!

Liebe Luise,

wie geht es dir? Ich weiß, du hast gerade bestimmt viel zu tun und genießt dein Auslandssemester in Paris, doch ich muss einfach gerade etwas loswerden.
Ich bin so sauer auf die Welt und diese mürrische Menschen, die lieber erst einmal auf sich schauen sollten, bevor sie über andere urteilen – wenn es in Paris toller ist, komme ich definitiv nach!
Heute habe ich mich wegen dem guten Wetter entschieden, im Schiller Park für meine letzten Prüfungen zu lernen. Ich machte mir ein Fresspaket, nahm die Bücher mit, die ich brauchte und ging super motiviert los.
Zusatz: Mein Onkel hat mir das super tolle Outfit aus Amerika mitgebracht, von welchem ich dir erzählt habe, hatte ich heute an – Bild ist im Anhang!
Also wie du siehst, alles fing super an!

Irgendwann lief ein Mann die Kaiserstraße entlang, ein Arbeiter der alten Schule.
Wegen der verschmutzten Finger und leichten Flecken im Gesicht vermutete ich, dass er einer aus dem Kohlewerk ist. Man hatte ihm den langen Arbeitstag in den Augen angesehen, doch trotz allem begrüßte er mich, nahm seine Mütze ab und nickte.
Plötzlich bleibt er stehen, mustert meine Kleidung, schaut mich richtig vorwurfsvoll an, verdreht die Augen und schüttelt seinen Kopf.

Luise, man hat ihm richtig angemerkt, was er sich dachte, seine Blicke sprachen Bände, von wegen: „Schau dir die Herumtreiberin an, hat keine Ahnung vom Leben, kassiert nur das Geld ihrer Eltern und genießt den Alltag!“
Dann hat er sich ernsthaft erdreistet, sich auf eine Bank gegenüber von mir zu setzen, nahm seine kleine Fressbox heraus und kaute demonstrativ an seiner letzten Traube herum.
Wieder verzog er sein Gesicht von wegen: „Schau dir die an, sitzt hier in der Sonne und genießt ihr rieeesen Fresspaket, welches ein anderer für sie erarbeitet hat!“
Und dann, dann, bin ich innerlich ausgetickt!!
Er machte eine komische Handbewegung und grinste mich schnippisch an, du weißt was ich meine, so von wegen: „Ach, die Jugend von heute, was die Gesellschaft aus uns gemacht hat, eine wie ich weiß bestimmt nicht, was es heißt, ehrlich und anständig Geld zu verdienen!“
Soll er doch zurück in seine Höhle gehen oder von wo auch immer er herkommt, wie zurückgeblieben und beschränkt im Kopf muss man sein?
Aber weißt du Luise, ich dachte mir dann, nee, ich bin ein guter Mensch, ich lass mich nicht von seinen Psychospielchen fertig machen, ich verzeih ihm alle seine bösen Gedanken und wünsche ihm nur das Beste, denn letztendlich kann er nichts dafür, dass er wohl so ist wie er ist.

Es sind immer nur diese ungebildeten Menschen, die sauer auf uns Akademiker sind, aber wieso bin ich Schuld daran, dass er nicht genug für die Schule getan hat und nun vielleicht statt einem Fabrikarbeiter der Chef der Fabrik wäre?
Ganz ehrlich, die Leute haben doch keine Ahnung, wie schwer wir schuften und immer wieder unser Privatleben für das Lernen opfern!
HIRNARBEIT IST SCHWERER ALS HANDARBEIT!
Die sollten dankbar sein, denn ohne Denker, wie wir es sind…Führungskräften, Wissenschaftler und so weiter, hätten die keine Arbeit.

Bitte muntere mich auf – ich musste das echt gerade loswerden, verstehe solche Menschen einfach gar nicht!

Küsschen,
deine Antonia!

VON: Luise

AN: Antonia

Betreff: Voll übertrieben!

Also Liebes,

sei mir nun nicht böse, aber dieses Mal bist du im Unrecht!
Du beschwerst dich über die Vorurteile und böse Gedanken von Menschen, aber merkst du nicht, dass du genauso bist?
Der Mann hat kein Wort gesprochen, sondern dich nur angeschaut und manchmal gestikuliert und du konntest so viel herauslesen?
WOW Antonia – seit wann hast du einen neuen Studiengang, bist wohl die geborenen Psychologin, so wie du die Menschen analysieren kannst?!

Antonia, merke dir eine Sache, urteile nicht über jemanden, bevor du ihn nicht kennst, vor allem, wenn du das von anderen ebenfalls erwartest.
Nur wenn du Respekt und Toleranz einem anderen Menschen entgegenbringst, kannst du auch erwarten, diese zurück zu kriegen.
Und ganz ehrlich, wenn du willst, dass sich die Welt verändert und die Menschen sich bessern, dann musst du den ersten Schritt machen, indem du an dir arbeitest, dich reflektierst und aktiv an der Besserung beteiligst!
Tut mir Leid Süße, das ist sicherlich nicht gerade das, was du hören möchtest, doch du sagst selber immer, Ehrlichkeit ist das Wichtigste!

Küsschen…

PS: Cooles Outfit, aber dein Ausschnitt ist etwas zu groß, vielleicht hat er ja nur deswegen gestarrt!!

 

Sabina Bekovic

(alle Rechte beim Autor)

Kreatives Schreiben – “Darum der Regenbogen”

April 24th, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

Welch ein Frühlingstag. Richtiges Aprilwetter. Mal scheint die Sonne und mal regnet es. Ich sitze mit meiner jüngsten auf dem Balkon. Es regnet und die Sonne kommt plötzlich durch die Wolken. Voller Begeisterung schreit sie „Mama schau mal ein Regenbogen. Ist er nicht schön?“ JA. Ich schaue ihn an und versinke ganz in der Begeisterung meiner Tochter über diesen Naturanblick. Fast überhöre ich ihre nächste Frage. „Mama, wieso gibt es einen Regenbogen?“
Wie ein beginnender Film höre ich die Frage erneut und sehe mich mit meiner Großmutter vor Augen. Damals spielte ich mit ihr im Garten und wir pflückten Blumen. Es war auch Frühling, als ich meinen ersten ganzen Regenbogen sah. Er ging von der einen Seite über fast den ganzen Himmel zur anderen. Ich höre mich noch heute die Frage stellen: „Großmutti, Schau! Was ist das? Es ist so schön. Woher kommt das?“ Dieses Lächeln auf ihrem Gesicht, als ich sie das fragte. Sie schaute mich an und fragte mich ob ich wissen wolle was das ist und weshalb wir das sehen können. Ich nickte. Sie nahm mich an der Hand und wir setzten uns auf die Bank unter dem Kirschbaum. Die Blüten dufteten und sie nahm ihre kleine Bibel, die sie immer bei sich trug, und schlug sie auf. Sie las mir eine Stelle aus dem ersten Mose vor.

Ich werde aus den Gedanken gerissen als meine Kleine an meiner Kleidung zupft. Ich schaue sie an, nehme sie auf den Arm und trage sie ins Wohnzimmer. Ich hole meine Bibel und schlage sie auf. Meine Tochter schaut mich mit erwartungsvollem Blick an. Da ich nicht weiß, wie ich es ihr erklären soll, mache ich es einfach wie meine Großmutter damals und lese ihr die Stelle vor.

“Und Gott sagte zu Noah und seinen Söhnen mit ihm: Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren des Feldes bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es auch sind auf Erden. Und ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch das auf Erden ist. Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.” (1. Mose 9, 8-17)

Ich schlage die Bibel zu und sehe meine Tochter an. In ihrem Blick sehe ich Erstaunen. Ihr Mund steht offen und sie schaut mich mit großen Augen an. Ich nehme sie in die Arme und küsse sie. Ein merkwürdiges Gefühl. Wieder sehe ich mich mit meiner Großmutter auf der Bank sitzen. Ich höre meine Tochter leise vor sich hin sagen: „Boah, ist das aber schön“. Sie kuschelt sich an mich und schaut sehnsüchtig nach draußen. Der Regenbogen ist inzwischen verschwunden, aber das Gefühl von Geborgenheit bleibt. Frühling. Der Beginn des Jahres. Die Jahreszeit mit den meisten Regenbögen. Mir kommt ein Gedanke, an den ich noch nie gedacht habe. Vielleicht sind sie im Frühling so oft zu sehen, um uns zu Beginn des Jahres, wo noch die ganze Planung für die kommende Zeit offen steht, an dieses tolle Versprechen für ewig zu erinnern.


Katharina List

(alle Rechte beim Autor)

Kreatives Schreiben – “Dezemberzeit”

November 9th, 2013  / Author: Jessica Maria Kunz

Noch lebte ich vergnügt im Rausch des Lebens,
im Sonnenlicht so unscheinbar.
Doch auch die nächste Zeit ist nicht vergebens:
zum Ruhen und zum Feiern da.

Schon wird es kühl und ruhig im Land,
zieht einen jeden in sein Haus,
bringt einen in den Weihnachtsbann
und richtet große Feste aus.

Reibt Erinnerungen in den Glanz
der Lichter dort am Tannenbaum.
Die Welt jauchzt mit Musik und Tanz,
erfüllt ein jedem Kind den Traum.

Das Lachen, der Geruch, das Feuer
erwärmen nicht nur mich im Herz,
berunden jedes Abenteuer
und so manchen harten Schmerz.

Ja, Dezember heißt die Zeit,
die einen in die Stube zwingt,
zur Ruhe und Geborgenheit.
Gemeinschaft reicht von Alt bis Kind!

 

Katharina List

(alle Rechte beim Autor)

Kreatives Schreiben – “Spring nicht”

September 26th, 2013  / Author: Jessica Maria Kunz

Schimmernd drang das weiße Licht des Mondes zwischen den Wolken hervor, die sich in dieser lauen Sommernacht an den Himmel verirrt hatten. Hier und da blitzten einige Sterne funkelnd auf, bevor der Wind die Wolken weitertrieb und das Firmament wieder verdeckte. Durch mein halb geöffnetes Fenster strömte angenehm kühle Luft herein, welche mir half, die wirren Gedanken zu ordnen, in die ich völlig versunken war. Meine Augen richteten sich auf irgendeinen fernen imaginären Punkt am dunklen Nachthimmel. Alle Lichter waren gelöscht; nur das Zirpen von Grillen und das leichte Motorengeräusch vorbeirasender Autos drangen an mein Ohr. Plötzlich leuchtete das Display meines Handys grell auf und brannte in meinen an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Ich hatte es neben mich gelegt, also drehte ich den Kopf und hob es mit der rechten Hand hoch. Mein Blick fiel sofort auf die kleine Anzeige, welche mir bedeutete, dass ich eine neue SMS erhalten hatte. Sofort öffnete ich diese und fuhr begierig über die Buchstaben, bei denen mir das Blut in den Adern gefror. “Es tut mir leid”, las ich flüsternd vor, und auf meiner Stirn bildeten sich Sorgenfalten. Es tat ihr Leid? Die Nachricht stammte von meiner Freundin, aber noch ehe ich mir über ihre wahre Bedeutung klar werden konnte, blinkte das Display erneut und zeigte eine weitere SMS an.
“Ich liebe dich.” Zwei simple Sätze. Sieben einfache Wörter. Und vor meinen Augen begann die Welt zu verschwimmen. Mit einem Satz war ich aus dem Bett gesprungen und rannte, als würde ich vom Leibhaftigen persönlich verfolgt, durch die Flure und Treppenhäuser. Als ich meine Schuhe so hastig wie möglich anziehen wollte, stolperte ich und flog der Länge nach hin. So schnell es ging rappelte ich mich wieder auf, achtete nicht auf mein brennendes Knie, sondern riss die Eingangstür auf und rannte in die Nacht hinaus. Niemand war zu einer solch späten Zeit unterwegs, die Straßen lagen ruhig und verlassen da. Niemand war da, der sich nach dem wie irre rennenden, nur mit Jeans, T-Shirt und Schuhe bekleideten Jungen hätte umdrehen können. Während ich die Straßen entlang rannte, versuchte ich immer wieder, sie zu erreichen. Vergebens. Wahrscheinlich hatte sie ihr Handy ausgeschaltet. Alles war still, nur das laute Klopfen meines Herzens war zu hören. Es flüsterte mir meine Angst zu, raunte mir Befürchtungen ins Ohr. Adrenalin gesellte sich zu dem rauschenden Blut, das durch meine Adern gepumpt wurde. Bilder blitzten vor meinem inneren Auge auf, gesprochene Wörter tanzten durch mein Bewusstsein, wie Tänzer, die sich im Takt der Musik wiegen. Ich wollte sie nicht hören, wollte sie vergessen, der Angst meine Hoffnung entgegen schleudern und mich mit den Worten beruhigen, mit denen man Kinder beruhigt: “es wird alles gut”. Aber ich war kein Kind mehr, und nichts würde gut werden, eine solche Gewissheit konnte man nicht verdrängen. Sie klammerte sich an mich, stach mit ihren scharfen Klauen in mein Fleisch und ließ sich nicht abschütteln, wie die Kälte im Winter. Angst, Verzweiflung, Vorwurf. Ich hatte es nicht früher gemerkt. Nein, du wolltest es nicht wahrhaben. Du hast nicht geglaubt, dass sie dazu bereit wäre. Du wolltest es nicht sehen. Ich unterdrückte einen frustrierten Schrei und ließ ein Bild vor mir auflodern, wie Feuer auf trockenem Holz. Sonne, warmes Licht, das über das Dächermeer vor uns flutete und die Straßen unter uns in Helligkeit tränkte. Auf dem Bauch, die Hände unterm Kinn, hatten wir auf dem großen Dach eines Hochhauses gelegen und auf die Welt unter uns herabgesehen. Ein leichter Wind wirbelte über den Boden und zerzauste ihr dichtes Haar. Wir sagten nichts, blickten nur nach unten, bis sie schließlich seufzte. “Da geht es ziemlich weit runter”, hatte sie gesagt. Der kleine Hauch der Sehnsucht, wie ein kühler Wind der im Herbst den Winter ankündigt, fiel mir erst jetzt auf. Oder, jetzt erst wieder ein?
Trotz der warmen Abendluft lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, bestätigte all die bösen Vorahnungen, all die Angst, die sich nicht hatte abschütteln lassen, so sehr ich es auch versucht hatte. Endlich erreichte ich die Straße, von der ich wusste, dass sie mich zu jenem Hochhaus führen würde, und nahm noch einmal alle Kräfte zusammen. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte ich keuchend nach Luft. Meine Lunge brannte und meine Beine kribbelten, doch als ich das Haus erreichte, fuhr mir der Schreck und die endgültige Gewissheit wie ein Blitz in die Glieder. Wie versteinert blieb ich stehen, alles fühlte sich schwer und müde an. Doch ich sah sie. Ihr dunkler Schatten zeichnete sich deutlich gegen die helle Silhouette des Mondes ab, und ich sah, wie sie einen Schritt nach vorne über die Kante des Daches machen wollte. “Nein!”, schrie ich mit der Macht eines Verzweifelten, auch wenn ich geglaubt hatte, keine Luft mehr zu haben. Ich merkte, wie sie innehielt und mich jetzt erst zu bemerken schien. Ihr Kopf drehte sich langsam und ihre Augen schimmerten, als sie ihren traurigen Blick auf mich richtete. “Warte!”, rief ich wieder. “Ich komme hoch. Lass uns reden. Wir fangen noch einmal an. Nur wir beide. Zusammen. Lass mich jetzt nicht allein.” Ich sah ihr nicht an, ob meine verzweifelten Worte etwas bewirkt hatten, ob sie sie wirklich dazu bringen würden, auf mich zu warten. Fieberhaft überlegte ich. Da fiel mir ein, dass sich an der Rückseite des Gebäudes eine Feuerleiter befand. Ich sah noch einmal zu ihr auf, wusste aber, dass ich nicht darauf warten, vertrauen konnte, dass sie mir antwortete. Also rannte ich los, achtete nicht auf meinen Körper, der lauthals dagegen protestierte. Ich erreichte die Leiter und kletterte an ihr herauf, als habe ich mein ganzes Leben lang nichts anderes getan. Während ich die Sprossen hochstieg, redete ich ununterbrochen auf sie ein, versuchte sie durch meine Worte zum Bleiben, zum Nachdenken zu bewegen. “Erinner dich an dich und mich. Kümmer dich nicht um den Rest der Welt, der zählt nicht.” Sie antwortete nicht. “Warte auf mich”, bat ich. “Ich komm hoch. Wir werden über alles reden. Mach jetzt bitte nichts Unüberlegtes. Bitte. Ich liebe dich. Ich würde dich niemals im Stich lassen.” Ich musste eine Pause machen, um wieder zu Atem zu kommen und mich nur aufs Klettern zu konzentrieren; das und Reden gleichzeitig war nicht möglich. Ich wusste nicht, wie lange ich sie noch halten konnte und verfluchte mich dafür, dass ich so langsam war, obwohl ich schon alles gab, was ich geben konnte. Ich wollte bei ihr sein, sie in die Arme nehmen und ihr den Halt geben, den ich ihr schon die ganze Zeit hatte geben wollen. Endlich erreichte ich das Ende der Leiter und hievte mich aufs Dach. Ohne nachzudenken, rannte ich nach vorne, aber bevor ich überhaupt dort angekommen war, merkte ich, dass ich zu spät war. Ich konnte sie nirgends entdecken. Es fühlte sich an, als ob mein so heftig schlagendes Herz taub und kalt werden würde. Hier oben gab es nichts, keine Schornsteine oder dergleichen, hinter denen sie sich meinem Blick hätte entziehen können. Meine Schritte wurden langsamer, aus dem Rennen wurde ein Gehen, bis ich schließlich stehen blieb. Meine Augen blickten in die Ferne, auf nichts Bestimmtes, während sich alle Fasern meines Denkens gegen die Wahrheit wehrten. Dagegen, zu akzeptieren, dass ich versagt hatte, nichts hatte tun können. Dass sie von mir gegangen war. Sie hatte von dem Ende geträumt, um neu anfangen zu können und sie hatte gewusst, dass meine Worte sie zum Bleiben bewegen würden, sie ihre Meinung ändern würde. Sie wusste, dass ihr Moment der Schwäche verschwinden würde, sollte ich sie wieder in den Armen halten. Aber sollte dieser seltene Moment des Glücks, der Liebe und der Geborgenheit vergehen, wäre all das Schlimme in ihrem Leben noch da. Das hatte sie gewusst und sich gegen das Leben entschieden. Und dich damit verlassen. Ich liebte sie mehr als alles andere auf der Welt und ich war ihr nicht böse. Nein, ich verstand sie. “Wir sehen uns wieder”, flüsterte ich und wischte mir eine Träne von der Wange. Langsam löste ich mich aus meiner Starre. Mein Entschluss war gefasst, bevor ich mir überhaupt darüber im Klaren war, dass ich mit diesem Gedanken gespielt hatte. Ich atmete tief ein, versuchte das Zittern meines Körpers zu unterdrücken, dann nahm ich einige Schritte Anlauf und rannte, stieß mich von der Kante ab und sprang in die dunkle Nacht.

 

Fabienne Introini

(alle Rechte beim Autor)

Kreatives Schreiben – “Wie ausgelöscht”

Juni 26th, 2013  / Author: liveact

‘Wie ausgelöscht, wie ausgelöscht’, schrei ich. ‘Verstehst du mich nicht? Ich kenn dich nicht mehr? Ich weiß nicht mehr wer du bist? Ich kenn nicht mal richtig mich. Ich will nicht dass du hier bist. Lass mich alleine, lass mich alleine hier sterben. Ich will dich nicht. Ich will nicht dass du hier bist. Geh, geh weg. Geh weg…’ Du nimmst mich fest in den Arm und ich lasse los, denn ich hab sowieso keine Kraft mehr. In deinen Armen weine ich. Und ich erinnere mich. Du warst immer bei mir, egal wie oft ich dich angeschrien habe, du bist geblieben. Und ich bete, dass du auch dieses Mal bleibst.
Wenn ich das hier lese, werde ich bestimmt nicht mehr wissen, dass ich es geschrieben habe. Wie kann ich es mir nur beweisen? Wenn man es nun einfach nicht mehr weiß? Du wirst es mir sagen, du wirst es mir zeigen. Und du wirst nicht ein Detail weglassen. Die Wahrheit, wie es ist und war.
Jetzt nimmst du meine Hand, denn ich erinner mich nicht, erinner mich nicht mehr. Wer bist du und wer bin ich? Ich kenne dich, Anna. Doch verzeih mir, wenn ich nicht weiter als diesen Moment denken kann. Anna, ich liebe dich. Das weißt du, auch wenn ich es dir nie gesagt habe. Du drückst meine Hand, ich kann fast nicht mehr schreiben. Ich tippe. Immer mehr. Immer schneller. Jetzt schreib ich nicht mehr. Ich vergesse dich. Starre nur auf die Tastatur. Elend. Isolation. Willen. Kraft. Los.

Ich weiß nicht was die Nacht bringt. Ich weiß nicht, ob ich wieder hier sein werde. Du fehlst mir, auch wenn ich das eigentlich nicht weiß. Du musst mir fehlen, denn du bist immer an meiner Seite. Verlass mich nicht, auch wenn ich das im nächsten Augenblick behaupte. Du kennst mein Herz, und du siehst was ich wirklich will. Du kennst mich, ich bin erkannt von dir. Ich muss nicht mehr wissen. Das weiß ich. Für diesen Moment. Für immer. Ab jetzt. Ein. Aus. Ein. Aus. Ein.
Aus.

‘Ewig, ewig, ewig’, flüsterst du in meinem Kopf. ‘Ewig, ewig, ewig’. Ich nenn dich Anna, doch du heißt Judith.

Nie vergesse ich diesen Augenblick, ich hab dich vergessen. Nur dein Name auf dem Bild hilft mir.
Ich höre auf zu atmen. Vergiss mich nicht, bitte vergiss mich nicht.

Natalie Mantai

(alle Rechte beim Autor)