Die Mäuse und der Frühling

Februar 26th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Der Winter hatte schon seit Monaten seinen eisigen, kalten, verheerenden Griff über das Land gelegt und jedwedes Leben in einen tiefen Schlummer versetzt. Eine dicke weiße Schneedecke überzog jeden Hügel, jedes Stückchen Ackerland, jeden Baum und jeden Strauch. Schneestürme fegten mit unerbittlicher Kraft über die einst so grünen Wälder und gaben der Natur einen unheimlichen, feindlichen, schauderhaften Glanz.
Tief unter einer großen, alten Eiche, im Wurzelwerk, versammelten sich die Mäuse, um über ihr Schicksal zu sprechen. Wenn der Winter nicht bald nachließ, würden sie alle zugrunde gehen.
Baltasar, der Älteste unter den Mäusen, hatte in den alten Schriften der verlassenen Abtei, die sich nur unweit der Eiche befand, eine Schriftrolle aus langvergessener Zeit entdeckt. Er teilte dem versammelten Mäusevolk mit, dass die Lösung, den Winter zu besiegen, darin bestehe, den Frühlingsgott Sisamotron zu erwecken. Dies werde allerdings keine leichte Aufgabe werden, da man sich dafür in die Kapelle der Abtei begeben müsse, um dort die magischen Worte auf geweihten Boden zu schreiben. Die Kapelle hatte schon vor Jahrhunderten ihre Schönheit und ihren Glanz dem Staub und Verfall preisgegeben. Sie war dem Ruin geweiht, doch eine weitaus dunklere Gefahr verbarg sich in der Kapelle. Ratten. Schwarze Ratten von immenser Größe lebten dort und trieben ihr Unwesen. Baltasar wusste um die Gefahr, doch er musste handeln, denn wenn nicht bald der Frühling Einzug hielt, waren sie alle, sowohl die Alten, als auch die Jungen, verloren. Er wusste, dass nur er in der Lage war, des Schicksals Blatt zu wenden und sein Volk zu retten.
Am oberen Portal, welches das Wurzelwerk und die Außenwelt voneinander trennte, angelangt, bemerkte Baltasar, dass er nicht alleine war. Eine junge, braune Maus war ihm gefolgt. Es war Wolli. Baltasar war über viele Jahre Wollis Lehrer  gewesen. Er hatte dem kleinen Mauserich alles beigebracht, was er über die Welt und wie sie funktioniert wusste. Baltasars Augen wurden glasig, als er erkannte, dass er nicht alleine diese Bürde tragen musste. Wolli wusste, worauf er sich eingelassen hatte, aber er wollte seinen Mentor und Freund nicht allein in eine ungewisse Zukunft ziehen lassen. Baltasar war für ihn immer mehr ein Vater gewesen als sein eigener, der König des Mäusevolkes, Trandin der Vierte.
Das Portal öffnete sich und ein eisiger Wind fegte über die Schwelle, und den beiden fröstelnd ins Gesicht. Sie zogen ihre Mäntel enger an sich ran und setzten die ersten Schritt in den Schnee. Es war kein weiter Weg bis zur Kapelle, allerdings im windigen, kalten Flockengewirr würde es bestimmt an ihren Kräften zehren. Der Sturm begann mit unermesslicher Gewalt zu wüten, als wolle der Winter selbst die Mäuse daran hindern ihr Ziel zu erreichen. Schneeflocken so groß wie die Mäuse selbst sausten an ihnen vorbei, doch sie stapften ununterbrochen weiter. Sie sahen kaum noch dreißig Zentimeter voraus, als sich plötzlich etwas großes sich vor ihnen auftürmte. Wolli erschauderte beim Anblick der alten Abtei, die sich langsam mit ihren steinernen Mauern vom schneeweißen Sturm abhob. Sie war ein Bollwerk des Überdauerns, das auch noch weitere Winter und Sommer überdauern würde. Steinern thronte sie über dem Land, ein Lichtstrahl der Hoffnung in einer sonst so dunkel geworden Welt.
Baltasar erzählten seinem Gefährten, der sichtlich beeindruckt war, die Geschichte der Abtei. Die Pest hatte vor einigen Jahren die Mönche vertrieben. Die Pest, eine Krankheit, die so unerbittlich über das Land gefegt hatte, dass die meisten Menschen ihr zum Opfer gefallen waren. Diese Abtei war einst ein Ort des Wissens und der Hoffnung, mit der größten Bibliothek im Land. Nun war es nur noch ein Mausoleum einer der größten Tragödien der Geschichte.
Wolli wurde sichtlich angespannter, als sie nun die kalten, kargen Räume der Ruine betraten. Bis zur Kapelle war es nun nicht mehr weit.
Als die beiden immer tiefer in die Ruine liefen, bemerkten sie leider nicht die Schatten die sich hinter ihnen auf den Mauern zeichneten. Ihr Eindringen war nicht unbemerkt geblieben. Die Augen, die jeden ihrer Schritte beobachteten, blieben von ihren Blicken unbemerkt. Sie wurden verfolgt von etwas Schrecklichem, das seit Jahren in den Ruinen hauste. Etwas, dass auch den Ratten aus der Kapelle die Zähne klappern ließ.
Es fegte ein frostiger Wind durch die Kapelle und Schnee fiel auf den Boden, da die Decke bereits vollständig verschwunden war.
Baltasar und Wolli hatten ihr Ziel nun endlich erreicht und waren froh, dass sie es soweit geschafft hatten. Baltasar beugte sich über und begann die Schriftzeichen auf den Boden zu zeichnen, als Wolli ihn auf die Schulter tippte. Baltasar drehte sich um und sah das, wovor er am meisten Angst hatte. Ratten. Sie waren überall. Auf den Balustraden, auf dem Weg, den sie gekommen waren. Sie waren umzingelt. Es gab keinen Ausweg, keine Flucht. Ihr Schicksal war besiegelt. Baltasar drückte Wolli nah an sich und betete dafür, dass sie ein schnelles Ende finden würden. Die Ratten kamen immer näher.
Doch plötzlich sprang aus einer dunklen, schattigen Ecke eine riesige Katze hervor, schwarz wie die Nacht. Sie machte sich über die Ratten her. Der Schnee färbte sich und durch Hallen von einstiger Schönheit hallte ein unheimlicher Klang, voller Schmerz und Leid.
Baltasar, der nun somit seine Chance erkannte, endlich das Ritual zu Ende zu führen, schreib das letzte Wort auf den Boden. In diesem Augenblick bemerkte die Katze die zwei und sprang in ihre Richtung. Alles war umsonst gewesen dachte Wolli, als plötzlich ein heller Lichtstrahl durch die Decke auf die Mäuse fiel. Die Katze war davon geblendet und prallte gegen die Mauer.
Die Mäuse spürten die Wärme, die vom Licht ausging. Sie wussten sie hatten es geschafft, den Frühlingsgott Sisamotron zu rufen. Der Sturm, der draußen fegte erlosch. Eine Stille überzog das Land, voller Hoffnung auf einen Neuanfang. Die Natur findet immer wieder einen Weg, auch wenn er schwierig ist. Sisamotron war endlich wieder hier und mit ihm das Leben.
Der Schnee wurde vertrieben, die Welt erblühte. Dies alles war zwei mutigen Mäusen zu verdanken, die sich auf eine Reise ins Ungewisse gemacht hatten, um ihre Welt zu retten.

 

Stefan Vitelariu

(alle Rechte beim Autor)

So schön kann der Frühling sein

Februar 24th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Wenn der Schnee schmilzt, das Gras grüner wird und die ersten Blumen aus dem Erdboden lachen, heißt es “Tschüss Winter”, denn nun kommt die langersehnte Frühlingszeit, auf die wir uns schon alle freuen. Wärmere Tage und bunte Blumen sind nicht das Einzige, was uns die Frühlingszeit zu bieten hat. Bäume und Sträucher, die zum Leben erwachen und sich in voller Blüte zeigen; und so manchem wird es warm ums Herz. Nun lasst uns aufschauen und erfreut sein, denn endlich sind die kalten Tage und langen Nächte vorbei. Die Sonnenstrahlen kitzeln auf der Haut und zaubern uns ein Lächeln aufs Gesicht. Auch die Kinder dürfen erfreut sein, wenn sie wieder bei sonnigem und warmem Wetter auf dem Spielplatz herumtoben können. Die Zugvögel, die ihren Winterurlaub im Süden verbracht haben, kommen nun auch wieder zu uns zurück.

Diese Frühlingszeit nutzten auch Felix und Philipp um auf Entdeckungstour zu gehen. Am Nachmittag nach der Schule machten sich die beiden auf, um am Waldrand Krokusse zu suchen. Sie wollten mit einem kleinen Frühlingsstrauß ihre Mutter erfreuen. Gemeinsam krochen sie unter Sträucher und Büsche und pflückten die weißen und violetten Frühlingsboten, die sich wie ein Teppich am Boden ausbreiteten. Als sie so dahinpflückten, rief Felix aus: „Philipp, schau, da liegt ein Vogelei am Boden!“ Philipp kam herbeigeeilt, um das Vogelei zu sehen. „Was machen wir jetzt mit dem Vogelei?“, fragte Philipp. „Ich glaube, dass wir es nicht mit den Händen anfassen dürfen, weil es sonst seine Mutter verstoßen könnte“, meinte Felix. „Wo könnte das denn herkommen?“, fragte Philipp und sah in die Luft, ob er wohl irgendwo ein Vogelnest entdecken würde. Und tatsächlich, über ihnen im Gebüsch sah er ein Vogelnest, in dem noch zwei Eier lagen. „Wenn wir ein Blatt nehmen und es darauf legen würden, dann müssten wir es ja nicht anfassen.“, erklärte Felix. Ja und da hatten sie ein Problem, weil die Blätter noch relativ klein waren und das Ei nicht darauf passte. Sie ließen sich aber nicht davon abhalten, dem kleinen Vogelbaby zu helfen und dachten sich eine neue Strategie aus. „Wir könnten es mit ein bisschen Waldmoos einwickeln und dann in das Nest legen“, meinte Philipp. Gesagt, getan. Die zwei suchten sich ein großes Stück Waldmoos, hoben das Vogelei sachte auf und legten es behutsam in das Vogelnest. Nun warteten sie leise und versteckt, bis die Vogelmutter zurück zum Nest kam. Als sie sahen, dass sich die Vogelmutter glücklich auf ihre Eier setzte, wussten sie, dass sie das Richtige getan hatten. Glücklich, ein Leben gerettet zu haben, nahmen sie ihren gepflückten Blumenstrauß und gingen nach Hause.

Zu Hause angekommen mussten sie alles bis aufs kleinste Detail ihrer Mutter erzählen. „Ich bin richtig stolz auf euch“, sagte die Mutter und bedankte sich bei beiden für die ersten Frühlingsboten, die sie ihr mitgebracht hatten. „So schön kann der Frühling sein“, meinte Felix verschmitzt, und beide hofften noch auf viele tolle Erlebnisse.

Lukas Oberhuber

(alle Rechte beim Autor)

Griechisches Frühlingserwachen

Februar 21st, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Goldene, warme Strahlen suchten sich einen Weg durch das leuchtend grüne Blätterdach und trafen auf saftige Wiesen und glitzernde Seen. Feine Staubpartikel schwebten durch die frische, nach Blumen riechende Luft. Inmitten der gewaltigen Lichtung erhob sich ein strahlend weißes Gebäude, dessen goldene Verzierungen und Ornamente im Licht der Sonne funkelten. Das fröhliche Gezwitscher der zahlreichen Vögel, die in den kleinen Nischen der Dachkuppel oder in ihren eigenen Nestern in den Bäumen lebten, erfüllte die Umgebung mit Leben. Thalatte, die griechische Göttin des Frühlings, hob anmutig den Kopf und begutachtete ihr Werk. Die neue Jahreszeit hatte ihren langen, kalten Schlaf beendet. Sie hatte dem Frühling geholfen zu erwachen und aufzustehen. Laufen würde er, wie jedes Jahr, von ganz alleine lernen. Ihr Blick huschte zu einem der vielen Balkone der mittleren Dachkuppel. Zufrieden lächelte Zeus, der Göttervater, auf sie herab. Seine fröhlichen Augen konnten sich an der Blüte des Lebens gar nicht satt sehen. In diesem Moment gesellte sich Hera, seine Gefährtin zu ihm. Er legte einen Arm um sie und deutete auf die friedliche wunderschöne Landschaft vor ihnen. “Der Frühling hat begonnen”, flüsterte er begeistert. Thalatte nickte dem Paar lächelnd zu. Ein stummer Gruß wie auch ein verheißungsvoller Abschied, voller Vorfreude auf das nächste Jahr. Sacht streckten sich die kühlen Grashalme nach ihren nackten Füßen, schlossen sich sanft um ihren Knöchel, um dann weiter an ihr heraufzuwachsen. Mit jedem weiteren grünen Zweig der sich um ihren Körper schloss, wurde dieser kleiner, bis eine vom Wind verwehte Rose das Einzige war, das von ihr zurückblieb. Zeus schickte seine Gesandte des Frühlings, herab zu den Sterblichen auf die Erde, damit sie auch dort den Winter verscheuchte und die Sonne zurück brachte.

Ich strich meiner kleinen Schwester sanft über die Wange und klappte mein kleines Geschichtenbuch zu. Sie sah mich aus schläfrigen Augen begeistert an. “Ich will die Göttin des Frühlings auch treffen. Ich will auch endlich Frühling…”, murmelte sie und ihr müder Blick wanderte zum Fenster und von dort nach draußen auf die verschneite Landschaft unseres kleinen Gartens. “Bald”, versprach ich ihr flüsternd und deckte sie bis zum Kinn zu. “Bald kommt sie auch zu uns auf die Erde und weckt den Frühling aus seinem Winterschlaf auf.” Sie kuschelte sich in die weiche, wollige Decke. “Ich freu mich schon darauf”, wisperte sie, gähnte noch einmal herzhaft und war im nächsten Moment auch schon mit einem vorfreudigen Lächeln auf den Lippen eingeschlafen.

Fabienne Introini

(alle Rechte beim Autor)

Warten auf Frühling

Februar 19th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Er stand im kalten Weiß der umliegenden Landschaft. Mittendrin, zwischen blätterlosen Bäumen und schneebedeckten Büschen und Grashalmen. Als er eben die Augen geöffnet hatte, weil ihn die ersten Sonnenstrahlen kitzelten, hatte er wieder neugierig um sich geschaut. Alles war weiß und glitzerte in der spätmorgendlichen Wintersonne ganz besonders verträumt.
Für ihn war immer noch alles neu, und doch schien es ihm so vertraut, als ob er nie etwas anderes gekannt hätte. An einem ihm nahe gelegenen Teich waren bereits ein paar Kinder, die sich waghalsig auf das gefrorene Eis wagten und sich dabei gegenseitig Mut zuriefen.
Er selbst war noch nie Schlittschuh gelaufen, fiel ihm auf einmal auf. Aber der Gedanke störte ihn nicht besonders. Er schaute den Kindern noch eine Weile zu, wie sie sich gegenseitig anrempelten und mitzogen, bevor zwei junge Frauen vor ihm auf dem Weg vorbeijoggten.
„Ich kann es kaum noch erwarten, bis dieser ganze Matsch endlich weg ist. Meine Schwester hat sich letzte Woche den Fuß gebrochen, als sie auf einer vereisten Pfütze ausrutschte“, hörte er die größere der beiden sagen.
„Ja, wird Zeit, dass es endlich wieder Frühling wird. Ich ertrag die Kälte echt nicht mehr“, vernahm er noch die Antwort der anderen, ehe sie wieder außer Hörweite waren.
Frühling, dachte er bei sich. Davon habe ich schon öfter gehört in letzter Zeit. Ein paar Jugendliche hatten am Tag zuvor davon gesprochen. Was sie tun wollten, wenn es wieder warm würde. Und auch diese älteren Leute, die er häufig hier im Park zu Gesicht bekam, schwärmten unentwegt davon: wie bunt dann alles wieder sein würde und welch frischer, einnehmender Duft in der Luft läge!
Er dachte darüber nach, was man denn im warmen Frühling eigentlich genau tun konnte. Wenn kein Schnee lag, dann konnte man ja weder Schlittschuhlaufen noch Schlittenfahren noch Schneemänner bauen noch sonst etwas von den Dingen, die er alle seit letztem Monat hier gesehen hatte.
Miterlebt hatte er zwar noch keinen Frühling, aber er klang jetzt schon toll. Viel besser als Winter auf jeden Fall! Denn dieses nie enden wollende Weiß fand er mittlerweile mehr als langweilig und eintönig. Wenn die Welt um ihn tatsächlich so aussehen würde, wie die ganzen Menschen, die tagtäglich in ihren farbenfrohen Anoraks, Mänteln, Puschelmützen und Wollschals an ihm vorbeikamen, dann fände er das um so Vieles reizvoller!
Aber wann kommt denn der Frühling endlich?, fragte er sich immer ungeduldiger. Er selbst wusste es leider nicht, daher blieb ihm wohl nichts anderes übrig als zu warten, bis er einfach da wäre.
Ein paar Tage später war wieder einmal reges Treiben im Park. Es musste wohl wieder ein Wochenende sein. Da waren immer besonders viele Menschen unterwegs, in allen Lebensjahren – von den üblichen Kindern, die hier vor allem ihre Nachmittage gern verbrachten; über faltige, gebückte Pärchen, die sich auf Stöcke stützten; bis hin zu Familien, die Kinderwägen mit häufig schreiendem Inhalt vor sich herschoben.
An diesem Tag hörte er wieder so allerlei über den Frühling. Wie ihn das freute! Seine Vorfreude wuchs inzwischen bis in den wolkenlosen blauen Himmel, wo sonst immer der Schnee auf die Erde fiel. So bekam er auch mit, dass jemand namens „Wetterfrosch“ den Frühling für die kommende Woche angekündigt hatte! Endlich hatte das Warten ein Ende und er konnte seinen ersten Frühling erleben!
Wie aufregend das werden würde! Er ganz allein zwischen grünem Gras, bunten Blumen und hohen, blühenden Bäumen! Bisher hatte er ja noch nichts anderes gesehen, als dieses öde Weiß und die knorrigen, kahlen Äste der Bäume, die wie tot wirkten. Und das war weder schön noch freundlich! Er wollte die ganze Farbenpracht der Natur kennenlernen, so wie es die Fußgänger um ihn herum die ganze Zeit beschrieben!
Als die langersehnte Frühlingswoche begann, wurde er schon ganz hibbelig vor Aufregung. Jeden Tag rechnete er damit, dass der Frühling endlich sein Kleid zeigen würde, damit er es persönlich bewundern konnte. Irgendwie jedoch schien es der Frühling selbst nicht sonderlich eilig zu haben, denn er schickte vorerst nur die Sonne heraus. Aber was für eine! Die Sonne, die er sonst zu spüren bekam, war wie ein kühler Scheinwerfer, der Schnee und Eis um ihn zum Glitzern brachte; aber diese hier war ganz anders. Diese Sonne legte sich wie eine grelle Decke über ihn, die die Kälte seiner Umgebung in keinster Weise wie Kristalle funkeln ließ. Diese Sonne gab ihm ein anderes Gefühl, ein Gefühl … der Wärme.
Wärme!, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. Ja, genau das muss es sein!
Alles andere wäre ja wie Winter, aber das hier war eindeutig nicht winterlich. Es fühlte sich an wie … Frühling. Ja, wie Frühling.
Je länger er da stand und fasziniert beobachtete, wie sich seine Umgebung langsam veränderte, spürte er auf einmal mit sich selbst eine Veränderung durchgehen.
Er hatte die warmen Sonnenstrahlen in sich aufgenommen, als ob er und die Sonne Magneten wären, die sich gegenseitig anzogen. Doch anstatt dass sie aufeinanderprallten, geschah das Gegenteil! Die strahlende Sonne im wolkenlosen Himmel entfernte sich allmählich von ihm!
Nein, nicht sie – er! Er entfernte sich langsam!
Er schaute zurück auf den Boden, wo langsam feuchte grüne Flecken zum Vorschein kamen. Dabei wurde ihm immer wärmer und wärmer!
Ob aus dem Grund, dass er das erste Mal in seinem kurzen Leben die bunten Farben der Natur sah, oder weil die Sonne langsam aber sicher seinen eisigen Körper schmolz?
Er konnte es nicht auseinanderhalten.
Doch eines war sicher: der Frühling war etwas Überwältigendes.

 

Carolyn Owen

(alle Rechte beim Autor)

Blumenzauber

Februar 16th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Die sechsjährige Susi ist übers Wochenende zu Gast bei ihrer Oma Elke. Die kleine Enkelin schaut gelangweilt aus dem Fenster des Altbaus und sieht, wie der Schnee langsam dahin schmilzt und sich darunter die ersten Blumen in Omas Garten offenbaren. Sie fragt betrübt: „Du Oma, wann kommt denn endlich der Sommer, er hat uns wirklich lange genug warten lassen.“ „Aber Susi, Liebes, der Frühling ist doch einer der schönsten Jahreszeiten.“, antwortet Oma Elke verwundert, da sie die Ungeduld ihrer Enkelin nicht nachvollziehen kann. „Na, weil zuerst ist da der Winter, es ist schrecklich kalt und im Frühling ist es auch nicht gerade besser und das Wetter weiß sowieso nicht was es will, der April ist so ein Halunke und deshalb sitzt ich die meiste Zeit Zuhause und langweile mich. Aber im Sommer ist es warm und auch länger hell und deshalb darf ich auch länger draußen bleiben. Also, wann kommt endlich der Sommer?“ Die Oma lacht amüsiert über ihre aufgeweckte Enkelin und bittet Susi das Bilderbuch aus Omas Jugend vom Dachboden zu holen, weil sie selbst dazu nicht in der Lage ist. Susi kommt ihrer Oma springend mit dem Bilderbuch in der Hand entgegen und setzt sich auf den Sesselrand, links von ihrer Oma. Da Oma Elke seit ihrer Kindheit blind ist, soll ihr die Enkelin beschreiben was sie auf den Bildern sieht. Susi klappt die erste Seite auf, fängt an zu beschreiben und Oma Elke hört zufrieden zu. Sie beschreibt die Natur, den Spaß den ihre Oma zu Kindheitstagen mit ihren Geschwistern hatte, die Blumenkränze die sie gebunden haben, wie sie unter den Apfelbäumen lagen und die Natur im Frühling genossen. Auf den letzten Seiten entdeckt Susi getrocknete Blumen: „Wow Oma, wie hast du das denn gemacht?“. Oma Elke fragt: „Meinst du den Blumenzauber auf den letzten Seiten?” ,,Genau”, und ihre Oma fängt an zu erklären: ,,Ich habe jeden Frühling, als ich so alt war wie du, eine meiner Lieblingsblumen gepflückt, sie in eine Blumenpresse gelegt und anschließend in dieses Buch geklebt, damit sie mich immer an die schönen Momente erinnern, die ich hatte als alles blühte, duftete und summte.“ Oma Elke ertastete die verwelkten Blumen aus alten Zeiten, lächelte zufrieden über die beständige Schönheit und eine Träne voller Glückseligkeit kullerte über ihre faltigen Wangen. Obwohl Oma Elke nichts sehen kann weiß sie genau welche Blumen auf den Seiten zu sehen sind, denn die Erinnerung an vergangene Tage ist so präsent, als wäre all das gestern gewesen. „Hier siehst du dunkelviolette Duftveilchen, ach Gott, rochen die immer lieblich und hier Gänseblümchen mit hunderten von Einzelblüten. Mit diesen Blumen habe ich herausgefunden ob mich Opa denn liebt, oder nicht liebt, aber das erzähle ich dir in einer anderen Geschichte“, sagte Oma Elke mit einem breiten Grinsen. „Hier sind Krokusse, Strahlenanemonen und Schlüsselblumen. Wenn sich der Frühling zu Ende neigte pflückten wir auch Mohnblumen, Vergissmeinnicht, unzählige Gräser, ach was pflückten wir nicht alles.“ „Toll.“, sagt Susi mit staunenden großen Augen und ein Moment der besinnlichen Stille kehrt ein. Oma Elke wird aus ihren Erinnerungen gerissen, als Susi grübelnd fragt: „ Aber Oma, woher wusstest du, dass Frühling ist? Schließlich konntest du ihn ja nicht sehen.“ Oma Elke antwortet erstaunt: „Aber nein doch, gerade im Frühling fühlte es sich so an, als würde ich die Welt sehen können, weil ich die Natur so intensiv wie in keiner anderen Jahreszeit spüren konnte. Die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut, das Gezwitscher und vergnügte Getriller der männlichen Vögel, die im Wettstreit um die Gunst der Weibchen buhlen, als wollen sie sagen: Hallo Weibchen, ich bin der beste Sänger und schönste Vogel meiner Art. Du musst unbedingt mich als Mann nehmen.“ Susi lacht vergnügt über diese Vorstellung und Oma Elke lacht mit ihr und fährt dann fort: „Da summen der Bienen, Hummeln, Hornissen. Marienkäfer und Schmetterlinge, die auf der Haut Tänze veranstalten und dann wieder ihres Weges gehen, die Düfte der Natur, die sich vermischen und schöner riechen als jedes teure Parfüm, denn sie riechen nach Leben und der raue Wind zischt „Der Frühling ist da, die Natur ist erwacht – herrlich.“ Während Oma Elke noch weiter über ihre Kindheit sinniert, wird Susi bewusst, dass sie diejenige ist, die den Frühling nicht sehen kann. Also nimmt sie sich fest vor, sobald es aufhört zu regnen, nach draußen zu gehen und nach den ersten Frühlingsboten zu suchen. Und wenn sie schöne Blumen finden würde, würde sie einen Strauß pflücken, ihn in Omas Vase legen und das Wochenende darauf, einzelne Blumen in das Bilderbuch kleben, um ihrer Oma eine Frühlingsfreude zu bereiten. Denn Susi hat gelernt, dass der Frühling doch viel spannender ist, als sie bisher dachte.

Aleksandra Simic

(alle Rechte beim Autor)

Die fette Brummsel und der Pollendieb

Februar 11th, 2015  / Author: Jessica Maria Kunz

Kaum ist die Welt aus ihrem Winterschlaf erwacht, beginnt schon wieder das bunte Treiben auf der Wiese. Die fette Brummsel, Privatdetektivin aus Leidenschaft, war schon früh auf Achse, sie hatte einen neuen Auftrag und der führte sie diesmal bis ans andere Ende der Wiese. Was tut man nicht alles für den lieben Job. Am anderen Ende der Wiese angekommen, wartete ihr Klient
bereits ungeduldig auf die Ermittlerin.
Der einsame Löwenzahn schaute traurig drein, mit herabhängendem Kopf, und beobachtete das bunte Treiben um ihn herum. Alles wuselte herum und war in hellster Aufregung. Plötzlich tauchte vor ihm die Brummsel auf, der Löwenzahn erschrak so sehr, dass er beinahe
umknickte. “Wieso so geknickt?”, scherzte die Brummsel. “Endlich bist du da. Ich bin so einsam, niemand möchte etwas mit mir zu tun haben, schau, meine Pollen sind weg. Jemand hat sie gestohlen, jetzt werde ich für immer allein sein.”, sagte der Löwenzahn traurig. “Ich kann dir helfen, deine Pollen wieder zu finden”, sagte die Brummsel. “Vielleicht sind sie hier noch irgendwo. Wo hast du sie denn zuletzt gesehen?”, fragte sie. Der Löwenzahn schilderte die Situation so genau wie möglich, die Brummsel stellte währenddessen Fragen und machte sich eifrig Notizen. Daraufhin flog sie gleich los, den Pollendieb zu finden. Sie suchte überall, weit konnten die Diebe ja noch nicht gekommen sein. Die nähere Umgebung, die Wiese, auf dem Baum, in den Sträuchern, unter Steinen und in Erdlöchern. Sie befragte eventuelle Augenzeugen: “Nein, ich hab leider nichts gesehen, piep”, zirpte Roberta, das Rotkehlchen, während sie gerade ihre Jungen fütterte. “Ich hab auch nichts gesehen”, sagte Hans, der Maulwurf. “Geh weg, ich habe zu tun”, schnauzte Barbara, die fleißige Biene. Doch die Brummsel gab nicht auf, sie wollte den Fall lösen, auf jeden Fall.
Sie suchte weiter, ein neuer Anhaltspunkt war vielleicht der nahegelegene Bauernhof. Dort hatte bestimmt jemand den gemeinen Pollendieb gesehen. Sie machte sich umgehend auf den Weg. Unterwegs traf sie Bauer Heinz mit Sebastian, dem Schäferhund. “Hey Sebastian, schöner Tag heute, nicht wahr? Hör mal, ich brauche deine Hilfe, ich suche die Pollen des Löwenzahns, jemand hat sie gestohlen. Hast du was Verdächtiges gesehen?”, fragte die Brummsel. “Hey Brummsel, wirklich schöner Tag heute. Ja, ich habe in der Tat etwas gesehen. Lukas, der Kleine vom Chef hier, ist heute mit etwas in der Hand herumgelaufen, was verdammt ähnlich aussah, wie das, was du suchst.”, sagte Sebastian. “Wo ist er hin, weißt du das?”, fragte die Brummsel aufgeregt, sie hatte endlich eine heiße Spur. “Er hat sich da an Baum hingelegt und gespielt, dann hat er kräftig auf das Ding in seiner Hand gepustet und es flogen winzige Krümel in alle Richtungen. Das fand er wohl ganz toll.”
Das ist es!, dachte sich die Brummsel. Noch bevor sie irgendetwas antworten konnte, flog sie schon davon. “Dir auch einen schönen Tag”, rief Sebastian. Die Brummsel flog so schnell sie konnte zu dem Baum, an dem sie heute schonmal gewesen war und untersuchte die Gegend noch genauer. Sie schaute noch genauer hin und konnte jetzt sogar Spuren erkennen, hier musste jemand gelegen haben, gleich hier im Gras. Und etwas abseits versteckt im Gras entdeckte sie noch etwas, den kahlen Stängel eines Löwenzahns. Die Brummsel grinste breit und machte sich Notizen. Dann nickte sie zufrieden und machte sich auf den Rückweg, der Löwenzahn wartete sicherlich schon ungeduldig auf die Neuigkeiten. Angekommen erklärte die Brummsel dem Löwenzahn ganz genau, was passiert war, und wer seine Pollen gestohlen hatte. Der Löwenzahn freute sich, über das, was er hörte, und wurde wieder glücklich, denn nun würde er nicht länger allein sein. “Deine Pollen werden nun über die ganze Wiese verstreut und du wirst schon bald eine große Familie haben”, sagte die Brummsel und grinste. “Dann ist ja doch noch alles gut gegangen.”, freute sich der Löwenzahn, “Danke, Brummsel!”. Wieder einen Fall erfolgreich gelöst, machte sich die Brummsel zufrieden auf. Der nächste Fall wartete schon auf sie.

Stefan Dörschel

(alle Rechte beim Autor)

 

Tanzworkshop Oeffingen 2013

September 23rd, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

Bereits zum 31. Mal fand dieses Jahr der Tanzworkshop Oeffingen statt. Vom 31. August bis 6. September 2013 wurde in den Sporträumen Fellbach-Oeffingen gesteppt, getanzt, entspannt und musiziert, und dabei vor allem eins: Spaß gehabt.

Jedes Jahr werden beim Tanzworkshop Oeffingen viele verschiedene Kurse rund um das Thema Tanz, Rhythmus und Musik angeboten. Wie bereits seit langem sind vor allem die Stepptanz-Kurse als Favoriten dabei. Aber gerade für Stepper ist es vielleicht einmal ganz gut zu erwähnen, dass es nicht unbedingt darauf ankommt, so viele Stepptanz-Kurse wie möglich zu machen, um gut zu sein oder besser zu werden. Klar, Übung gehört natürlich dazu. Aber eine große Erweiterung für tänzerisches wie auch allgemeines Können ist vor allem, so viel abwechslungsreiche Erfahrung wie nur möglich zu sammeln. „Stepptanz alleine [ist] schon mal toll, aber wenn ich Einflüsse habe aus anderen Tanzbewegungen, mich mal woanders bewegt habe, […] steigert [es] die Qualität des Stepptanzes“, sagt auch Gabriele Kurka, die den Tanzworkshop vor 31 Jahren ins Leben gerufen hat und nach wie vor Initiatorin dieses Events ist. Denn es ist doch so: Steppen mag vielleicht hauptsächlich aus Rhythmus bestehen, aber Rhythmus besteht nicht hauptsächlich aus Steppen. Und aus diesem Grund möchte ich heute einmal auch den anderen angebotenen Kursen Platz zur Vorstellung geben.

Starten wir aber zunächst mit den Stepp-Angeboten. Von den zwanzig Kursen gibt es allein vier, die dem Stepptanz gewidmet sind. Unter Tap Dance II, III und IV sind die “normalen“ Stepptanzkurse zu finden, mit den jeweiligen Schwierigkeitsgraden Anfänger bis Fortgeschritten. Dann gibt es Tap n‘ Rhythm. Dieser Kurs ist tatsächlich etwas un-, aber dafür auch außergewöhnlich; denn hier wird der Rhythmus sowohl mit den Füßen als auch mit den Händen erzeugt, und jedes Jahr dienen hierfür andere Alltagsgegenstände als Instrumente. Was in den letzten Jahren mit Stühlen, Besen, Topfdeckeln oder Tonnen erzeugt wurde, wird dieses Jahr durch etwas ganz Ausgefallenes erweitert: dicke, aufblasbare Reifen, auf denen man mit Drumsticks schlägt. Am Anfang ist die Kombination von Händen und Füßen vielleicht etwas verwirrend, vor allem für Nicht-Schlagzeuger, aber Spaß macht es trotzdem – und nach einer Weile klappen die Rhythmen auch fast wie von allein.

IMG_2096

Dann gibt es da jetzt die „anderen“ Kurse, von denen man aber für’s Steppen genauso viel mitnehmen kann. Da wären zum einen MTV New Style und Afro Dance. Vor allem letzterer empfiehlt sich sehr für Personen, die sich noch etwas steif fühlen, denn beim Afro sind afrikanische Tänze das Thema, die aufgrund der hauptsächlich großen und offenen Bewegungen pure Lebensfreude ausstrahlen; und dafür braucht man auch keinerlei Tanzkenntnisse. Im Gegensatz zu MTV New Style: da sollte man bereits ein gewisses Maß an Vorkenntnis besitzen, auch wenn die Schritte und Bewegungen ausführlich gezeigt werden, denn von der Armschlange bis zum Moonwalk kann alles vorkommen.

Wer es gerne etwas sportlicher hätte, für den ist Dance Now! und Afterwork Fitness etwas. Von Anfang an wird mit angezogenem Tempo durchgepowert, sodass man dabei schon sein Herz-Kreislauf-Training absolviert. Dance Now! ist dabei eine Mischung aus Aerobic und Zumba, hier beim Workshop sogar mit Live-Band-Begleitung, die von den vier Mitgliedern der „Palitos“ gemacht wird, und die auch in einigen weiteren Kursen als Live-Begleitung ihr Können unter Beweis stellen.

Wer es dagegen mal mit etwas Ausgefallenerem probieren möchte, der hat die Wahl zwischen Burlesque, Indie Jazz und Old School Jazz. Spätestens seit dem Film mit Christina Aguilera und Cher hat der Burlesque wieder eine Aufschwungsphase erlebt: mit viel Sinnlichkeit, Genuss und Ausdrucksstärke lernt man hier u.a. auch, alltägliche Dinge im Leben bewusster zu genießen. Indie Jazz ist ein Mix aus modernem Jazztanz und indischen Elementen, die in der Choreographie auch gern mal mit einem Augenzwinkern getanzt werden. Old School Jazz ist dagegen wie der Name schon sagt: Old School. Es werden Elemente einstudiert, wie sie zur Zeit der großen Musicals in den 1950ern und 60ern gern getanzt wurden.

Wer es daraufhin etwas entspannender, aber trotzdem sportlich möchte, dem seien Pilates, Qi Gong [sprich: tschi gong] und Vinyasa Yoga ans Herz gelegt, bei denen mal mehr, mal weniger die mentale Konzentration gefordert ist und sich gut als „geistiger Kurzurlaub“ eignen.

IMG_2312

Für Leute, die gern choreographieren oder auch selbst Tanzgruppen leiten, sind die Kurse Improvisation and Performance, Choreografie: Theorie und Praxis und Alignment gute Orte, um zu lernen, wie man Stücke aufbaut und improvisiert; wobei Alignment schon mehr in Richtung einer Vorbereitung für postmodernen Tanz geht.

Aber nicht nur getanzter Rhythmus wird angeboten: in zwei Cajon-Kursen kann man zur Abwechslung mal seine Hände tanzen lassen. Dazu gäbe es eigentlich noch einen Percussion-Kurs, der jedoch wegen zu wenigen Teilnehmern entfallen musste.
Das ist leider einer der Hauptsorgen des Oeffinger Tanzworkshops: die schwindenden Teilnehmerzahlen. Dabei ist gerade dieser Tanzworkshop etwas ganz Besonderes. Hier kommt man einmal her – und danach immer wieder. Die Atmosphäre und der Umgang allgemein, sowohl zwischen Teilnehmern als auch Dozenten, ist absolut familiär – das merkt man schon, wenn man das erste Mal den Eingangsbereich der Sporthalle betritt und von der liebevollen Dekoration empfangen wird. Und dabei ist das Level der Angebote von höchstem Niveau. Sogar ausgebildete Physiotherapeuten gibt es, die für wenig Geld professionelle Massagen anbieten und dabei auch mal kleine Sportverletzungen verarzten können. Zudem gibt es eine Cafeteria, die ebenfalls kostengünstig alles von Getränken, Snacks und Brötchen bis hin zu warmen Mahlzeiten zu bieten hat. Wie das machbar ist? „Das können wir nur für den Preis anbieten, weil ich viele ehrenamtliche Mitarbeiter habe“, erklärt Gabriele Kurka, die einen Großteil der Arbeit selbst erledigt, ebenfalls ehrenamtlich. „Vieles bleibt auch in der Familie“, sagt sie. Auch der Anschluss an den Oeffinger Sportverein ist eine große finanzielle Stütze, da ihr somit die Hallen frei zur Verfügung stehen.

IMG_2175

Und dieses Angebot wissen auch die Teilnehmer sehr zu schätzen, die teilweise aus allen Ecken in und um Deutschland anreisen und nun schon seit vielen Jahren treu dabei sind. „Dieser Tanzworkshop ist einfach außergewöhnlich phänomenal, und das seit einunddreißig Jahren!“, schwärmt Astrid beim gemütlichen Beisammensein nach den Kursen. Selbst nach der abschließenden Aufführung, bei der alle Kurse, die mitmachen wollen, zeigen, was sie die Woche über gelernt haben, kommen die Teilnehmer kaum voneinander los. Sei es, dass man noch mitten in der Nacht ein verschlafenes Gruppenkuscheln auf den großen Matten in der Sporthalle veranstaltet und dabei Musik hört, oder man bis zwei Uhr morgens auf dem Parkplatz um die Ecke steht und sich schmutzige Musikerwitze erzählt: In dieser einen Woche wird einem einiges geboten, erleben tut man aber noch vieles mehr. Und um nochmal zu den Kursangeboten zurückzukommen: „Alles ist eine Ergänzung zum Stepptanz!“ Daher möchte ich abschließend mit den Worten von Astrid an alle Leser appellieren: „Ich kann’s nur allen weiterempfehlen: Kommt nach Oeffingen und schaut’s euch an!“

Dann also hoffentlich bis nächstes Jahr!

Weitere Infos findet man unter: www.tanzworkshop-stuttgart-oeffingen.de

 

Carolyn Owen

(alle Rechte beim Autor)


Versuchter Imagewechsel

Juni 18th, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

(frei nach dem Gedicht “Arbeitergruß” von Ferdinand von Saar)

Liebster Freund,

vor geraumer Zeit spazierte ich wieder in unserem Park umher, als einer unserer Gärtner meinen Weg kreuzte. Ich sah, wie er die Blumen goss und sprach zu ihm: „Verehrtester, wenn ich nicht des Geistes tiefe Mühen zu tragen hätte, so würde ich eure Arbeit liebend gern mit euch teilen. Naturverbunden seid Ihr, stets an frischer Luft und in der Sonn‘ wenn Sommer ist – das kann wahrlich nur ein Traum und ihr der glücklichste Mensch auf Erden sein!“
Doch mürrisch blickt er mich nur an, der Mensch, mit finstrer Miene, als ob ich ihm was Böses hätt gewollt. Auf meine Frag‘, was ihm den Sinn ergrämte, brummt er nur unverständlich in seinen Bart. Ich befürchtete, er denke, ich scherze mit ihm, und schlug ihm deshalb dieses vor: „Lass einen Tag uns tauschen. Ihr, Gärtner, werdet in meinem Hause sein, dürft leben, essen wie es ziemt und meine Arbeit tun: studieren aus den Schriften der Philosophen und eigene Werke verfassen, und ich werde einen Tag in Eurem Gartenhäuschen hausen und Blumen und Pflanzen nach bestem Wissen versorgen und hegen und pflegen.“ Noch einmal brummt der Mensch in seinen Bart, doch klingt es etwas heiterer als noch zuvor. Und schließlich ließ er sich drauf ein. Am Tag darauf such ich ihm meine schönste Garderobe aus und lad ihn ein, beim Frühstück noch mein Gast zu sein. Das Kleid betrachtet er mit Argwohn, brummt wieder, doch ich sag ihm: „Ich überlass es Euch, wie Ihr als ich leben wollt. Tragt mein oder Euer Kleid, wie es euch beliebt.”
Das nun schien ihn auftauen zu lassen. Er nickt flüchtig mit dem Kopf. Ich weise auf den Tisch hin und zeig ihm alle Schriften. Dann machte ich mich auf in den Garten und ließ es mir gutgehen. Ich schaute den Blümelein beim Wachsen zu, pflückte einen kleinen Strauß für meinen Tisch und schnitt da und dort ein Hälmchen, das zu lang geworden. Nur leider war die Sonne den ganzen Tag nicht so recht anwesend, und plötzlich merkte ich auf meinem Frack einen Tropfen. Da wurden immer mehr daraus und ich flüchtete mich ins Gärtnerhäuschen. Dort aber war alles so klein und so eng, keiner kochte mir einen Tee oder eine Suppe oder ließ mir ein Bad ein. So fror ich den halben Tag, bis die Sonne unterging und ich den Weg zurück in mein Haus antrat. Mein Blumenstrauß lag noch im nassen Gras. Ihn hatte ich beim Anblick meines nassen Frackes glatt vergessen. Nun war er hin.
Dennoch ging ich weiter und trat durch die Tür. Als ich jedoch in die Stube blickte, sah ich den Gärtner schlafend in meinem Bett! Die Schriften warn kaum angerührt und auf dem Pergament war weniges angefangen und gestrichen.
Da merkte ich, dass wohl vieles auf den ersten Blick schön ist zu tun, aber nicht alles ist schön oder einfach zu tun, wenn es zur Aufgabe wird!

Mein lieber Freund, ich wollte diese Erfahrung mit dir teilen und habe daher diesen Brief verfasst. Ich hoffe, du bist wohlauf und in ganzer Gesundheit und Glück.

Auf bald und mit vielen Grüßen verbleibend
Ferdinand

 

Jessica Maria Kunz

(alle Rechte beim Autor)

“Sind Sie nicht die aus dem Audi-Spot?”

Juni 18th, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

(frei nach dem Gedicht “Arbeitergruß” von Ferdinand von Saar)

Autsch. Der Rücken. Ich sollte das dringend mal untersuchen lassen. Jedes Mal, wenn ich mich bücke, fährt es wieder rein.
Dass die Leute hier sich aber auch nicht selbst die Schuhe anziehen und zuschnüren können. Irgendwann werde ich noch zugrunde gehen.
An Tagen wie diesen träume ich mich manchmal, wenn gerade nichts los ist, auf eine kleine sonnige Insel. Ohne Menschen, ohne Schuhe. Ohne Rückenschmerzen. Naja, vielleicht ein paar schöne männliche Bewohner. Oder auch nur einer. Mit meinem krummen Rücken und meiner dicken Brille schaut mich sowieso kaum jemand an. Auch mein Freund nicht, der eh nie da ist. Da hätte ich lieber so einen Schönen von der Insel. Und dann bauen wir uns ein kleines Häuschen – ja, ohne Rückenschmerzen geht das bestimmt! –, haben einen großen Garten mit Gemüse und Obst, viele Bäume, viele Brombeersträucher, und irgendwann auch eine Familie mit mindestens zwei Kindern. Am liebsten vier oder fünf. Wenn ich nicht mehr im Schuhgeschäft arbeiten muss, hab ich ja Zeit für Kinder und Haushalt. Das wäre schön. Und auch mal Zeit für mich. Die Sonne genießen. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal im Urlaub war. Ich würde so gern mal wieder in der Sonne brutzeln. Aber der einzige Schweiß, der in meinem Leben gerade existiert, ist der vom Schuhkartons schleppen, Regale wischen und von den Schmerzen beim Bücken.
Und damit werde ich dann auch wieder aus meinen Tagträumen gerissen. Entweder weil mich mein negativer Alltag bis auf meine Insel verfolgt oder auch durch ein unsicheres „Entschuldigung?“
Ja, ich komme ja schon. Und suche Schuhe im Lager. Wanderschuhe, Sportschuhe. Ballerinas. High Heels. Sowas würde ich ja auch gern mal tragen. Bei meinem schweren Gang sähe das aber sicher dämlich aus. Und ziemlich peinlich.
Manchmal ertappe ich mich auch, wenn ich wie hypnotisiert auf die große Leinwand am Hochhaus an der Ecke schräg gegenüber starre. Werbung schreit einem entgegen. Kaufen Sie, kaufen Sie! Joghurt, Schuhe (als ob ich davon hier nicht genug hätte), Klamotten, Sonnencremes.
Sonnencreme.
Urlaub.
Zum Heulen.
Gerade ist nicht viel los und ich ertappe mich wieder, wie ich zu Leinwand starre.
„17.54 Uhr!“ schreit sie mir entgegen. Bald Feierabend! Wenn man träumt, scheint die Zeit schneller zu vergehen. Nun läuft eine Autowerbung. Das mit den vier Ringen. Eine attraktive Lady mit unendlichen Beinen, kaum sichtbaren Shorts und gefühlten 20cm hohen High Heels steigt grazil von der Beifahrerseite aus und zeigt sich in ihrer ganzen, schlanken Schönheit. Blonde, wallende Mähne, Sonnenbrille, die sie kurz abnimmt, um ihrem Fahrer, ebenfalls sehr attraktiv und augenscheinlich Italiener, zuzuzwinkern. AUDI, steht jetzt da. Fulfill your dreams. Wohl eher „Das Auto der Reichen und Schönen.“ Und der Glücklichen. Diese Frau hat alles. Geld, Schönheit und mit Sicherheit auch an jedem Finger hundert Verehrer.
KLING – Der Chef schließt die Tür. Feierabend.
Ich packe meine Tasche und meine Jacke – viel hab ich nie dabei – und mache mich auf den Weg. Es verabschiedet sich niemand von mir. Warum auch. Ich bin nur eine kleine Angestellte, unwichtig, ersetzbar. Und eine Familie hab ich auch nicht. Ich bin niemand. Ich habe nichts.
Ich glaube, ich gehe spontan noch in meine Stammkneipe. Ab und zu gehe ich dorthin, um eine Cola zu trinken. Oder auch mal ein Bier. Da ist nie viel los unter der Woche, direkt nach Feierabend. Da hab ich meine Ruhe. Ich setze mich immer an den Tresen, weit außen an der Ecke, und beobachte. Manchmal ist das tierisch langweilig, aber teilweise auch sehr spannend. Menschen sind manchmal einfach berechenbar. Aber wenn sie einen überraschen mit einer ungeplanten Handlung, dann wird’s interessant.
Heute ist es wie immer. Fünf dickbauchige Männer, vereinzelt im Raum verteilt, mit Bier vor der Nase. Der Tresen ist leer. Gut so.
Ich schlürfe mein Bier, als die Tür aufgeht und ich mal wieder überrascht werde.
Und ich, Britta Manuschke, 32, graue Maus aus dem Buche, kann ausnahmsweise mal nicht die Klappe halten.

„Sind Sie nicht die aus dem Audi-Spot?“

Nicht schon wieder. Ich suche mir extraabgelegene Kneipen aus, damit ich mal meine Ruhe vor dem ganzen Trubel hab, und selbst hier sind die Leute mit allem beschäftigt, außer mit sich selbst. Eigentlich sollte ich einfach mal nicht reagieren.
Abstreiten, dass ich es bin.
Es ist so anstrengend, 24 Stunden gut gelaunt sein zu müssen, keine Schwächen haben zu dürfen, für jedermanns Stift und Kamera allzeit bereit sein zu sollen. Und wenn man es mal nicht ist, stürzt sich gleich die Presse darauf. Gerade heute war wieder so anstrengend. Heute Morgen noch das Shooting in Paris, dann erstmal nach Berlin zur Agentur geflogen, um die nächsten Termine zu besprechen und vorhin hier nochmal ein Termin… und das Ganze, wo ich doch eh noch im Jetlag von meinem Casting in New York vorgestern festhänge.
Bestimmt ist das – hm, es war eine Frauenstimme. Was machen Frauen hier in so einer Ecke? Sicher eine Trinkerin. Die hierher kommt, weil sie hier billig ihren Stoff bekommt, mit dem Barkeeper ein Pläuschchen halten kann oder auch ab und mal einen von den anderen Suffköppen mit nach Hause nimmt. Klar, so eine schaut viel fern, daher kennt sie den Spot. Aber dass die so eine Wahrnehmung hat und mich erkennt? Lange kann sie noch nicht hier sein.
Aber warum wunder ich mich. Gerade solche Menschen, die sozial etwas tiefer stehen, bewundern die Stars und Sternchen ja noch mehr. Ob Schauspieler, Bildender Künstler, oder Model wie ich – das ist dabei ja fast egal. Und ob die dann ne Angelina Jolie, Gisele Bündchen oder Selina Hammer vor sich haben ist ja dann auch fast egal. Hauptsache, sie haben was zum Reden.
Ich will das nicht. Ganz ehrlich, ich liebe meine Job und ich bereue kein Shooting (naja, sagen wir kaum eines), aber das ganze Drumherum, das ja auch dazu gehört irgendwo, wenn man „berühmt“ ist – ständig auf Achse, nirgends daheim, überall wird man erkannt und hat NIE seine Ruhe. Und keine Zeit für Familie. Also, eine eigene zu gründen. Manchmal beneide ich die Menschen mit normalen Berufen. In solchen Momenten wie diesen, wo ich einfach nur abschalten will. Und ob ich im Hotelzimmer sitze oder in so einer Kneipe, irgendwie fühle ich mich manchmal einfach einsam.
Die Frau dort hinten hat sicher Familie. Solche Leute haben ja auch oft schon ganz früh Kinder.
Ich will hier weg. Wieder ein Ort, an dem ich mich nicht wohl fühle. Ich schätze, ich werde niemals irgendwo wirklich ankommen.
Manchmal verfluche ich das. Nein, halt. Manchmal bringt mich das zum Weinen.

„Entschuldigung?“
Selina beschloss, nun doch den Kopf zu drehen. Britta stand nun neben ihr und wirkte hilflos klein in ihren flachen Sportschuhen.
„Ja?“ Ein freundliches Lächeln. Das kam vom Kopf, nicht vom Herzen.
„Sie sind doch das berühmte Model?“ Mehr eine Frage als eine Aussage.
„Also wenn Sie ein Foto wollen, sollten wir vielleicht besser rausgehen, es ist so dunkel hier drin.“
„Nein. Ich möchte Ihnen nur etwas sagen. Ich bewundere Sie. Und ich beneide Sie. Um Ihre Schönheit, Ihre Beliebtheit und dafür, dass Sie von Ihrem Traumberuf leben können. Was einem Spaß macht, ist ja auch nicht so anstrengend.“

Jetzt lächelt sie mich an, als ob ich eine Königin wäre. Und geht in Richtung Tür. Winkt. Ich winke zurück. Wahren wir eben wieder den Schein. Immer das gleiche.

Ich lächle sie an, aber eigentlich ist mir zum Heulen. Selina Hammer, das war ihr Name. Ich erinnere mich. Wer weiß, was sie dort unten macht? Geheimes Meeting? Besprechung des nächsten Auftrags? Und wo geht’s dann hin? London, Shanghai, Mailand? Und wo geht’s mit mir hin? Nach Hause. Und morgen wieder in das Schuhgeschäft.
Immer das gleiche.

 

Jessica Maria Kunz

(alle Rechte beim Autor)

Der Schauspieler

Juni 18th, 2014  / Author: Jessica Maria Kunz

(nach dem Gedicht “Arbeitergruß” von Ferdinand von Saar)

Ausprobiern, das war sein Stil,
doch fand er nichts, was ihm gefiel.
Als er dann doch zum Spielen kam,
er von allem andern Abschied nahm.

Er übte sich & probte,
hei, was Mann von Fach ihn lobte,
hach ja, er hat sein Traum gefund’,
bis man ihn ihm schnell unterbund.

„Du Taugenichts, hast nichts gelernt
was Geld einbringt, du kleiner Bernd!“
„Du kleine dumme faule Sau,
weißt nix von Arbeit, schau her, ICH bau!“

Und so kams dann, dass er aufgab,
was er von Herzen so gern tat
& anstatt dessen frei zu sein,
ein Leben lebte, ganz allein.

Die Lösung ist’s nicht zuzumachen,
um sich vom Bösen zu entfachen,
sondern Liebe in sich reinzulassen,
um Böse Dinge nicht zu hassen,
denn so tut’s gut, so sind wir frei,
von all der ganzen Weltlerei.

 

Dominik Führinger

(alle Rechte beim Autor)